Seit Wochen reden alle von Final Fantasy, dem Sci-Fi-Film des japanischen Regisseurs Hironobu Sakaguchi. Meine Freundin hat sich den Streifen schon zum dritten Mal angeschaut. Warum? Weil kein wirklicher Mensch darin vorkommt und man das schon nach fünf Minuten nicht mehr merkt, so echt sehen die Figuren aus. Mit dieser fragwürdigen Begeisterung ist sie nicht allein und bestätigt mal wieder meine Vermutung, dass unser Kulturkreis zum Untergang verdammt ist, und zwar vollkommen zu Recht. Die Leute schauen sich diesen Film an, weil er das perfekte Fake eines Hollywoodfilms ist.

Final Fantasy kommt ganz ohne Originale aus. An die Stelle realer Schauspieler treten digitale Figuren, so schön und wandlungsfähig, wie es kein fleischliches Wesen jemals sein kann. Hollywoodgrößen wie Alec Baldwin oder Donald Sutherland dürfen nur als Stimmen der digitalen Übermenschen mitwirken und sind sich nicht zu schade, ihren neuen Konkurrenten auch noch die Steigbügel zu halten. Sie werden es bitter bereuen, keine Frage, sie haben nicht begriffen, dass Final Fantasy nur der Vorgeschmack eines grausigen Trends ist: Die Kopien werden besser, hipper und begehrter als die Originale. Nach und nach gewöhnt sich der Konsument daran, das Fake der Wirklichkeit vorzuziehen. Nicht wenige Hundehalter haben beispielsweise den pflegeleichten kleinen Roboter von Sony in ihr tierliebes Herz geschlossen und die echte Töle abgeschafft. Aibo (so heißt die Kreatur) hechelt und sabbert nicht und bespringt keine Menschenbeine, ansonsten ist er genauso süß wie echte Hunde. Und das schon ab 3400 Mark. Fake fur war aus Gründen der Political Correctness jahrelang viel begehrter als echter Pelz, und wer heute noch eine echte Rolex trägt, wird als hoffnungsloser Trottel belächelt, der einfach gar nichts begriffen hat. Typisch für die Kopistenverehrung ist der Erfolg des Fotografen Oliver Boberg. Er fotografiert Modelle von U-Bahnhöfen so, dass es auf dem Foto aussieht, als seien es die Originale. Für diesen bescheuerten Gag zahlen seine Fans zwischen 6000 und 10 000 Mark. Überall werden die Nachmacher als die eigentlichen Künstler gefeiert, wird der Wert der perfekten Kopie höher bemessen als der des Originals. Das Original wird gleichsam geadelt durch die Kopie. Denn erst die Nachbildung macht eine Sache zum Original. Die Begeisterung für Fakes ist nicht mehr zu bremsen, und in diesem Klima kann man nur jedem raten, verdammt gut auf seine Stammzellen aufzupassen.

Die Autorin moderiert und leitet das TV-Magazin Polylux, jeden Montag um Mitternacht in der ARD