Das Haus steht auf einer Insel und ist auch eine. Als ein Eiland architektonischer Glückseligkeit liegt es mitten im Gekastel und Gekistel des holländischen Häusermeers, ein tiefer Graben umschließt das Grundstück und trennt die Sphären, hier Kunst, dort Alltag. Eigentlich ist dies Haus also kein Haus, es ist gebaute Erbauung - eine Skulptur, die sich vom normalen Museumsstück höchstens durch Klo und Küche unterscheidet. Fast 30 Jahre ist es her, dass sich der amerikanische Architekt John Hejduk diesen grandiosen Entwurf einfallen ließ, der sehr bewundert wurde und viele Studenten und Kollegen beeinflusste. Doch erst jetzt fand sich jemand, der das legendäre Haus auch baute, im Nirgendwo einer Groninger Vorstadt.

Wohl niemand wird Hejduk dort kennen, ganz anders als in seiner Heimat. Dort hatte er sich in den siebziger Jahren mit Peter Eisenman und anderen zu den New York Five verbündet, um sich den wahren, den tiefen Fragen der Architektur zu widmen. Statt dem Populären zu huldigen, wie es die damals heraufdämmernde Postmoderne tat, erkundete Hejduk lieber die reine Form, deren Macht und Poesie. Er schrieb Gedichte, malte, zeichnete, und auch die Architektur war für ihn vor allem Kunst: befreit von allen Zwängen des Gewöhnlichen. Nie wollte er für einen Bauherrn arbeiten, lieber zog er in die Theorie und wurde Dekan an einer der wichtigsten Architekturschulen weltweit, der Cooper Union in New York. Dass nur eine Hand voll seiner Entwürfe tatsächlich gebaut wurde, bekümmerte ihn nicht weiter. Für das Haus in Groningen allerdings, für sein Wall House 2, da kämpfte er. Von einigen Liebhabern seiner Kunst unterstützt, rang er neun Jahre lang mit Stadtrat, Maklern, Baugenossenschaften um die Finanzierung - und erlag am Ende dem Krebs. Nur zwei Wochen nach seinem Tod im Dezember 2000 aber war die Stadt plötzlich bereit, die nötigen zwei Millionen Gulden vorzuschießen, prompt begann der Bau (Projektarchitekten Derk Flikkema und Thomas Müller), und vorige Woche wurde er eingeweiht: eine hehre Theorie in matschiger Niederung.

Einige hundert Neugierige umschlichen fragenden Blicks den Fremdkörper, zu dem man Haus eigentlich nicht sagen will. Denn nichts sieht aus, wie es aussehen sollte. Die Wand etwa ist nur noch Wand, schier und rein. Sie zeigt keine Fassade, stellt sich nicht schützend vor das Gebäude, sondern quer hinein: eine mächtige, fast quadratische Betonplatte, die nur für sich steht.

Gleichwohl suchen alle Räume des Wall House die Verbindung zur Mauer und sind über einen gläsernen Stutzen angedockt. Jedes Zimmer ist Haus am Haus, ein eigener, freier Körper.

Wer also von der Küche hinaufwill ins Wohnzimmer, der muss erst die Betonmauer passieren, muss auf die steile Stiege eines Treppentürmchens, dann erneut durch die Wand - nicht nur mit dem Kopf, mit dem ganzen Körper. Es gibt keinen direkten, keinen kurzen Weg, das ist der Preis dafür, dass jeder Raum nach einem anderen Ausdruck sucht. Mal rauscht die Decke weit in die Höhe, alle Sinne emporziehend

mal schwingen die Wände so sanft, als wollten sie mit den Bewohnern kuscheln

mal sind Fensterbänder eingeschlitzt und öffnen den Blick auf ein fantastisches Rundumpanorama. Man fühlt sich eingefangen, aufgehoben, ausgesetzt - je nach Raum, in dem man sich gerade befindet. Mehr noch als befinden aber soll man sich im Haus bewegen, denn es verkörpert Ereignis, nicht Erstarrung: Im Hin und Her durchquert man immer aufs Neue die graue Riesenstele, blinzelt seitlich hinaus auf den armbreiten Spalt zwischen Mauer und Zimmer und sieht dabei stets aufs eigene Gehäuse.