Dies ist eine Geschichte über politische Versäumnisse, ideologische Verblendung und die Arroganz der Macht, aber ebenso über Hysterie, Verleumdungen und eine politisch motivierte Medienkampagne. Sie soll erklären, warum in Hamburg das Thema "Sicherheit und Ordnung" den Wahlkampf beherrscht. Und warum es in dieser Weltstadt einem in sich selbst verliebten Amtsrichter namens Ronald Barnabas Schill mit platten, populistischen Versprechungen gelingen könnte, am übernächsten Sonntag die seit 44 Jahren regierende SPD aus dem Rathaus zu jagen und Innensenator zu werden.

Die Geschichte hat viele Facetten. Und ein Nichthamburger, zurzeit zu Besuch in der Elbmetropole, wird auf den ersten, schnellen Blick kaum verstehen, warum sich die Hanseaten ausgerechnet jetzt, da sich seit einiger Zeit manches zum Besseren wendet, vor allem um die innere Sicherheit und ihre Lebensqualität sorgen. Der Hauptbahnhof, dessen Zustand zu Recht lange heftig beklagt wurde, präsentiert sich blitzblank. Gleich neben dem Haupteingang steht für alle sichtbar der Container einer neuen Sicherheitswacht. In den Hallen und auf den Vorplätzen ist kaum noch ein Drogensüchtiger auf der Suche nach Stoff anzutreffen, überall patrouillieren Polizisten und "schwarze Sheriffs".

Beim Spaziergang durch den angrenzenden Stadtbezirk St. Georg kreuzen nach wie vor Junkies und Prostituierte den Weg, aber nicht auffälliger oder störender als in einschlägigen Vierteln Berlins, Kölns, Frankfurts oder Münchens. Auch die Benutzung eines öffentlichen Verkehrsmittels ist längst kein Abenteuer mehr. Die Busse und Bahnen der Hansestadt, haben ADAC und das Europäische Tourismusinstitut in diesem Jahr festgestellt, sind die pünktlichsten, saubersten - und sichersten Deutschlands, keine andere Metropole hat ein so gut ausgebautes Verkehrsnetz. Und auch ein ganz anderer Erfolg ist in den Straßen sichtbar: Entgegen dem Bundestrend sinkt in Hamburg die Zahl der Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger. Die Bertelsmann Stiftung lobt in einer neuen Vergleichsstudie die "wirtschaftliche Innovationskraft" und verleiht dem kleinen Stadtstaat für Standort- und Lebensqualität die Goldmedaille, Bayern bekommt nur Silber.

Hamburg blinkt und boomt. Doch schaut der Besucher in eine der drei großen Hamburger Tageszeitungen, die alle zum Springer Verlag gehören und den Markt beherrschen, wird ihm eine ganz andere Welt dargeboten. Tag für Tag schreiben Bild, Welt und das Hamburger Abendblatt, wie dreckig, kriminell und drogenverseucht die "schönste Stadt Deutschlands" (der lokale Sender Fun Fun Radio) geworden sei. "Hamburg - Hauptstadt des Verbrechens", schreiben sie, und viele Artikel lesen sich so, als sei für jeden Wohnungseinbruch und jeden Handtaschenraub der rot-grüne Senat und besonders die in der Freien und Hansestadt allmächtige SPD persönlich verantwortlich. Es ist offenkundig eine Kampagne, und nicht nur Rot-Grüne sind davon überzeugt, dass die Spitze des Medienkonzerns eine Direktive zum Sturz der ewigen Hamburger Regierungspartei SPD ausgegeben habe - und auf Fernwirkung in Berlin hoffe.

Freilich, weder haben die Medien alles frei erfunden, noch ist der große Unmut vieler Wähler über die Kriminalitätslage allein das Ergebnis von Übertreibung und Täuschung. Hamburg hat tatsächlich ein Problem: In keiner anderen deutschen Großstadt gibt es im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung so viele Drogensüchtige, so viele Drogendealer und so viele Straftaten im Umfeld dieser Geschäfte. Nirgendwo anders lauern Schüler so oft anderen Schülern auf, um sie zu erpressen, um ihnen Markenjacken oder Handys "abzuziehen". Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) kam 1997 zu einem erschütternden Ergebnis: In keiner anderen Stadt schwänzten damals so viele Schüler die Schule, stellten die Staatsanwälte so häufig die Verfahren gegen jugendliche Straftäter ein, dauerten die Prozesse so lange, bezogen so viele türkische Eltern Sozialhilfe und besuchten so wenige türkische Kinder weiterführende Schulen. Der Unterschied zwischen Armen und Reichen, zwischen Gewinnern und Verlierern, sagte der damalige Direktor des KFN und heutige Justizminister Niedersachsens, Christian Pfeiffer, sei in Hamburg viel krasser als anderswo. Eine Folge: die hohe Jugendkriminalität.

Inzwischen hat sich manches gewandelt. Die Strafjustiz verhandelt schneller, die Zahl der Drogentoten ist drastisch gesunken und die Zahl der Raubtaten seit Anfang dieses Jahres um ein Viertel zurückgegangen. Ziffern und Studien können also nicht begründen, warum die Hamburger sich immer noch so sehr um ihre alltägliche Sicherheit sorgen. Warum 14 Prozent für Schill stimmen wollen, den ob seiner Maßlosigkeit berüchtigten "Richter Gnadenlos", der trotz seines Zwischenerfolgs vor dem Bundesgerichtshof unverändert unter der Anklage der Rechtsbeugung steht. Warum in der sich liberal und weltoffen wähnenden Stadt so viele Menschen Schills großmäuliger Verheißung Glauben schenken, er könne binnen 100 Tagen die Zahl der Verbrechen halbieren.

Es gibt noch eine andere, wichtige Erklärung für diese Stimmung. Eine Erklärung, die sich dem gelegentlichen Besucher nicht erschließt und für die man weit zurückblicken muss: Hamburg, die SPD und die innere Sicherheit - das ist eine lange, unselige Geschichte von Enttäuschungen und ideologischen Grabenkämpfen und davon, wie viele Hanseaten das Vertrauen verloren haben, Regierung, Stadtverwaltung und SPD (über vier Jahrzehnte fast identisch) nähmen ihr Bedürfnis nach Recht und Ordnung ernst.