In diesem vor drei Jahrzehnten verfassten amerikanischen Milieuroman ist das Milieu auch eine Gesellschaftsschicht. Man könnte sie als Bohemeproletariat bezeichnen. Schauspieler, die seit Jahren keine Rolle mehr gespielt haben und als Matrose anheuern, Drehbuchautoren, die als Kellner arbeiten, und Lebenskünstler, die die nackte Not zu Fabrikarbeitern macht, gehören dieser Schicht an. Sie wohnen in miserablen Zimmern, zu zweit, zu dritt, zu viert, zu fünft, je nachdem, wie viele Hungerleider anklopfen und unterschlüpfen, sie ernähren sich miserabel und trinken zu viel, sie haben keinen Besitz, keine Garderobe und keine Aussichten, aber gemessen an dieser Lumpensituation sind sie geistig und rhetorisch überaktiv. Die Armut schickt diese Menschen in die Verzweiflung. Das Missverhältnis zwischen ihrer Lage und ihrem Bewusstsein aber macht sie zu Opfern einer bohrenden Unruhe und entstellenden Hektik. Sie sind ununterbrochen unterwegs, von einem Gelage und einem Bett zum nächsten, und sie bevölkern den Roman Kalifornische Jahre von Paula Fox in einem erzählerisch riskanten, aber thematisch sinnvollen Übermaß. Vor dem Auge des Lesers und vor dem Auge der Romanheldin Annie ziehen sie wie Statisten vorbei, tauchen auf, verschwinden, lösen sich ab, am Rand der Gesellschaft und buchstäblich am Fuße Hollywoods herumgeisternd

Annie ist 17, als sie das exzentrische kalifornische Armutsmilieu Anfang der Siebziger betritt. Einmal schaut sie den Berg hinauf und sagt: "Da oben ist die Villa von Bette Davis." Mehr ist von der Traumfabrik in diesem Roman nicht zu sehen und selten etwas zu hören. Denn Annie, an deren Wahrnehmung sich die Erzählung ziemlich genau hält, obwohl sie in der dritten Person angelegt ist, hat erstens keine Filmambitionen und zweitens ihre eigene Traumfabrik im Kopf.

Annie, eine Außenseiterin der Außenseiter, die noch weniger als alle anderen hat, ohne Bildung und Ausbildung, ohne Eltern und Angehörige dasteht, macht sich naive Illusionen vom Leben. Am Anfang des Romans glaubt man, dass diese Illusionen ihr Untergang sein werden. Am Ende weiß man, dass sie sie immunisiert und gerettet haben. Das ist der Sinn dieser modernen éducation sentimentale.

Am Anfang fährt Annie von New York aus nach Los Angeles, weil sie sich einbildet, dass dort irgendetwas besser sei. Sie kommt in Kontakt mit Leuten aus der Kommunistischen Partei, die allesamt nicht sehr sympathisch sind, aber den Romanstoff mit Zeitgeschichte und Mitteilungen über Hitler, Stalin und den Kriegsausbruch versorgen. Annie lässt sich von dem Kommunisten Walther heiraten, sie lässt sich in erbärmliche Arbeitsstellen bugsieren, sie lässt alles mögliche mit sich machen - und verfügt doch über einen enormen Eigensinn. Denn hinter der Naivität und der Überempfindlichkeit des verstoßenen Geschöpfes besitzt Annie eine erstaunlich kühle und sezierende Beobachtungsgabe. Von dieser analytischen Seite ihres Charakters her leiten sich die Nüchternheit und Unaufgeregtheit des Erzählstils ab.

Paula Fox, deren Roman Was am Ende bleibt im vergangenen Jahr mit großem Erfolg erschien und deren Bücher mit langer Verzögerung in den deutschen Sprachraum gelangen, ist Spezialistin für Abgründe, die sich geräuschlos öffnen, und für jenen Horror, der so unauffällig in den Alltag dringt, als brächte der Bäckerjunge die Brötchen an die Haustür. So sind die horriblen Szenen die Sternstunden der Kalifornischen Jahre, die Szene beispielsweise, in der ein junger Mann, dem Annie nicht aus dem Kopf geht, sie unangemeldet besucht und dadurch Zeuge wie Assistent einer qualvollen Aktion wird, deren Ziel es ist, die unterernährte Annie einen Bandwurm ausscheiden zu lassen.

Paula Fox: Kalifornische Jahre

Roman