Las man den Roman, stellten sich verschiedene Gemütszustände ein: Ärger, Erregung, Langeweile, Spannung, Klebenbleiben und Drüberweglesen, und nie war und ist man sicher, welche Leselage welchen Teilen zugehört. Michel Houellebecqs Roman Elementarteilchen von 1998 ist eine Provokation, die nicht abzuschütteln ist. Zu viel wurde auf den Kopf gestellt, aneinander geklebt und zu Ende gesponnen, was so unverblümt bisher nicht zusammen geschrieben wurde. Die Technik war vertraut, ob bei Musil, Joyce oder Donald Duck, diese Verbindung aus Essay, Forschungsbericht und Prosa, von Philosophie und Platitude, die Haltung hatte man vergessen.

Nun liegt das Hörspiel vor, und die Provokation hat sich in einen Klassiker für die Kollegstufe verwandelt. Dies ist durchaus als Empfehlung gedacht. Als öffentliches WDR-Hörspiel musste notgedrungen ein Großteil der detailverliebten Sexszenen entfallen, das Onaniergehabe gedämpft und so die krude Konfrontation des Triebes mit dem Geiste gemildert werden. Das lässt jetzt die Aufregung abschwellen und erinnert mehr und mehr an Aldous Huxleys Schöne neue Welt. "Heute möchte ich mich ...", setzt der Professor 2079 mit seiner Rede an, und das Mikrofon pfeift kurz, "... in erster Linie der Geschichte zweier Männer widmen, die während der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts gelebt haben." Er spricht von den Halbbrüdern Michel und Bruno.

Der eine Wissenschaftler und geistiger Vater der geklonten Menschheit, der andere unbedeutender, sexbesessener Lehrer, beide "Exponenten einer untergegangenen Epoche". Beifall, automatisches Lachen vom Band, die Zukunft klingt nach einem Trockenschwimmkurs für Gefühle.

Schicht um Schicht entblößt Houellebecq die Geschichte zweier Kinder und Jugendlicher, die von ihrer Mutter zur Großmutter verschoben wurden, die - um die 40 - mit kaltem Blick den eigenen Zerfall frühzeitig ins Auge fassen. Es ist die "verlangsamte, von Schmach und Schuld gekennzeichnete Welt" Kafkas, die Bruno nahe steht, es ist Michels Gefühl, "durch wenige Zentimeter Leere, die gleichsam einen Panzer oder eine Rüstung bildeten, von der übrigen Welt getrennt zu sein", es ist das Bild einer "müden und erschöpften Menschheit", das sich hypnotisch durch zweieinhalb Stunden Hörspiel zieht. Michel flieht ins Sabbat-Jahr, Bruno weist sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein.

Die Momente des Glücks sind verstrichen, es war immer zu spät, sie haben sich lieber selbst zugesehen als gehandelt.

Wo Houellebecq in seinem Roman harte Schnitte setzt, klingt jetzt Musik.

Akustisches Auf- und Abblenden, kühler Minimalismus (von Jan Tilman Schade und Blixa Bargeld), der durch die Verwendung von Streichern Wärme gewinnt, in genau jener Mischung, die den Tonfall des Buches trägt: Erinnerung an Wärme, die hinter der Kälte liegt. Hohl hallt die Stimme des Professors (Vadim Glowna), leidenschaftslos erzählt Blixa Bargeld das Leben der Brüder (Michael Tregor und Hans Kremer), deren Monologe wie Vernehmungsprotokolle aus dem Kassettenrecorder tönen. Ein hartes Klacken der Start- und Stopptaste, der resonanzlose Klang eines Anrufbeantworters, oft ein Atmen, ein Stöhnen, ein Herzschlag über einem lang gehaltenen Grundton - mehr ist nicht nötig, um die inneren stummen Schreie hörbar zu machen (Regie: Leonhard Koppelmann).