Der Höhepunkt der Reise ist ein gewaltiges Loch. Als hätte sie ein Riese mit einer überdimensionalen Kettensäge akkurat in den Berg gefräst - so klafft die Brèche du Roland 60 Meter breit und 100 Meter hoch in der Felswand über unseren Köpfen. Staunend beäugt ein am Firmament kreisendes Bartgeierpaar die Schar bunter Rucksäcke, die sich im Gänsemarsch einen steilen Anstieg bergauf schiebt: Bergwanderer, die an dieser spektakulärsten Stelle den Hauptkamm der Pyrenäen und die Grenze von Frankreich nach Spanien durchsteigen.

Vor drei Tagen, an einem nebelverhangenen Spätsommertag, hatte unser Jungseniorenquintett im französischen Gebirgsstädtchen Cauterets die Rucksäcke geschultert. Dem Kurort mit seinen Finde-Siècle-Fassaden ist sein leicht vermuffter Charme, dem im vergangenen Jahrhundert die Granden dieser Welt erlagen, noch immer nicht abhanden gekommen. Von Baudelaire über Bismarck bis Heine, alle tauchten sie hier ihre Glieder ins schwefligdampfende Thermalwasser, das bei Krankheiten unaussprechlichen Namens Linderung versprach.

Inzwischen verpassen Bergurlauber im Outdoor-Outfit dem Ort eine farbige Note. Denn oberhalb von Cauterets öffnen sich südwärts gerichtete Seitentäler - Einfallstore in eines der grandiosesten Gebirge Europas. Schon Tucholsky hatte die 450 Kilometer lange und 140 breite Felsbarriere zwischen Frankreich und Spanien tief berührt. Und die Pyrenäen als einsam, unheimlich und schön ergriffen in Worte gerahmt.

Die Zeiten haben sich gründlich geändert, zumindest was die Einsamkeit im Hochsommer betrifft: Beim Anstieg durch den Nebelwald springen uns - Bonjour - Dutzende Touristen mit Tagesrucksäcken entgegen, wir überholen - Salut - Eltern mit Kindern, die an Aussichtspunkten vor den Wasserfällen fürs Familienalbum posieren. Mit uns sind zahlreiche, meist jüngere Weggenossen unterwegs, beladen mit Zelt, Isomatte und schweren Rucksäcken.

Viele lockt La Grande Randonnée, die große Pyrenäendurchquerung auf den Weitwanderwegen GR 10 und GR 11, sowie deren Verbindungen.

Während sich die Tagesausflügler am Panoramablick auf den Wasserfall der Pont d'Espagne ergötzen, führt unser Weg entlang grüner Wiesen, durch Laub- und Nadelwälder und das Tal des Flüsschens Marcadau sanft bergan. Die Kraft der Mittagssonne hat auch die letzten Dunstschwaden aufgelöst. Hinauf schweift der Blick zu den schroffen Gipfeln. Ein Vorgeschmack auf bevorstehende Strapazen?

Nach fünf Stunden Marsch ist das erste Etappenziel erreicht: die Refuge Vallon 500 Höhenmeter über unserem Startpunkt. Sie ist die Cauterets nächstgelegene Hütte im Nationalpark Westliche Pyrenäen. Seit 34 Jahren kommt hier die Natur wieder mit sich ins Reine. Der Mensch ist nur als Wanderer und Bergsteiger zugelassen - als Zaungast eines gewaltigen Naturspektakels: Zwischen vergletscherten Gebirgskesseln und schwer zugänglichen, tief eingeschnittenen Schluchten warten funkelnde Seen, stürzen sich unzählige Wasserfälle zu Tal. Auf den Bergflanken tummeln sich Steinböcke und Gemsen, nisten Königsadler und Lämmergeier. In verschlungene Täler ziehen sich Luchse, Wölfe und sogar fünf Braunbären vor dem Menschen zurück.