Geschichte ist beides: ein Gegenstand wissenschaftlicher Erforschung und der Stoff, aus dem Mythen und Legenden entstehen. Das eine ist keineswegs immer so säuberlich von dem anderen geschieden, wie es das Objektivitätsideal der professionellen Zunft verheißt. Denn, so betont Edgar Wolfrum einleitend, "das Verhältnis von Wissenschaft und politischer Macht ist vielschichtig und kompliziert". Im Kampf um Deutungshoheit neigen nicht nur Politiker, Publizisten oder Journalisten, sondern eben auch Historiker dazu, Geschichte für politische Zwecke zu missbrauchen.

Der Autor hat vor zwei Jahren im Rahmen einer Studie über den Umgang mit dem 17. Juni 1953 in der Bundesrepublik (ZEIT Nr. 50/99) den Begriff "Geschichtspolitik" geprägt, der sich mittlerweile einen festen Platz im Kanon historischer Disziplinen erobert hat. Nun legt er, daran anknüpfend, dar, wie vom Kaiserreich bis in die unmittelbare Gegenwart Geschichte als Waffe eingesetzt wurde, um politisches Handeln zu legitimieren beziehungsweise zu delegitimieren.

Dass mit der Reichsgründung von 1871 Preußen eine historische Mission erfüllt habe, ja im Grunde alle deutsche Geschichte vom späten Mittelalter an auf dieses nationale Großereignis zugelaufen sei - in dieser teleologischen Sicht war sich die borussianische Geschichtsschreibung, von Gustav Droysen über Heinrich von Sybel bis Heinrich von Treitschke, einig. Wolfrum spricht von der Konstruktion eines "deutschen Nationalmythos", der seine integrative Wirkung nur durch eine doppelte Abgrenzung habe erzielen können: nach außen gegen den "Erbfeind" Frankreich, nach innen gegen vermeintliche "Reichsfeinde", vor allem Katholiken und Sozialdemokraten.

In der Weimarer Republik verschärfte sich, Wolfrums Analyse zufolge, der Streit um die politische Indienstnahme der Vergangenheit zu einem regelrechten "Bürgerkrieg der Erinnerungen". Der deutschnationalen Rechten dienten Kriegsunschuldlüge und Dolchstoßlegende als willkommene Agitationsmittel, um die Republik insgesamt in Misskredit zu bringen. Ganz unschuldig waren die Sozialdemokraten, wie der Autor hervorhebt, an dieser Situation nicht, denn sie hatten es versäumt, die Bevölkerung nach 1918 über die Ursachen des Krieges und der militärischen Niederlage aufzuklären, also einen klaren Bruch mit dem Wilhelminismus zu vollziehen.

Über die seit einigen Jahren heftig diskutierte Rolle der Geschichtswissenschaft im "Dritten Reich" urteilt Wolfrum ebenso pointiert wie treffend: "Die meisten Historiker, die nicht hatten emigrieren müssen, empfanden sich dezidiert als politische Wissenschaftler, die in weiten Bereichen mit dem Regime übereinstimmten, ja großenteils begeistert und nur gelegentlich zweifelnd für die Ziele des Nationalsozialismus kämpften. In Form von historischer Sinnstiftung lieferten sie die Munition für ein verbrecherisches Regime und dessen Eroberungs- und Vernichtungskrieg."

Am aufschlussreichsten ist die Darstellung der geschichtspolitischen Konfrontation im deutschdeutschen Systemkonflikt nach 1949. Wolfrum schildert nicht nur den Wandel der Geschichtsbilder hüben wie drüben, sondern zeigt auch, wie diese in ständigem Streit um das nationale "Erbe" und die "richtigen Lehren" aus der Geschichte aufeinander bezogen blieben. Während die Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur, vor allem ihrer Massenverbrechen, in der Bundesrepublik ein langwieriger und schmerzhafter Prozess war, zog sich die DDR-Geschichtswissenschaft auf die eher komfortable Position eines "verordneten" Antifaschismus zurück. In der "gespaltenen Geschichtskultur" im vereinten Deutschland nach 1990 erkennt der Autor die fortwirkende Prägekraft einer 40-jährigen geteilten Vergangenheit.

Dieser knapp gefasste Überblick besticht durch Prägnanz der Darstellung und den Mut zu entschiedenen Wertungen. Nur in einem Punkt erscheint mir Wolfrums Kritik unberechtigt: Ihn stört der pädagogische Gestus, mit dem Bundespräsident Gustav Heinemann Anfang der siebziger Jahre die bundesdeutschen Historiker mahnte, sich endlich den Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte zuzuwenden. Vermutlich ist es für einen 1960 geborenen Wissenschaftler nur noch schwer vorstellbar, wie anregend, ja befreiend Heinemanns Appell damals gewirkt hat.