Wenn die Toten Hosen das Rotkäppchen des deutschen Punkrock sind, dann gehen die Goldenen Zitronen als der große, böse Wolf durch. Zuerst brachten sie den besetzten Häusern in der Hafenstraße den Spaßpunk und wünschten Modern-Talking-Sänger Thomas Anders den Tod an den Hals, dann erklärten sie Musik zur Waffe und stemmen sich seitdem tapfer gegen das Schweinesystem.

Siebzehn Jahre nach ihrer Gründung in Hamburg sind die Goldenen Zitronen keine Punkband mehr, haben ihre Utopien verloren und doch den Kampf nicht aufgegeben. Sie haben Avantgarde-Ausflüge und Elektronik-Experimente hinter sich, aber auch auf ihrem neuen Album Schafott zum Fahrstuhl (Buback/EFA) steht die Musik ganz eindeutig unter dem Diktat der Politik. Die neuesten Klänge sind zwar sehr viel direkter und eingängiger als zuletzt, und die Band präsentiert sich optisch als Glamrock-Karikatur, die Attitüde aber wird beherrscht von einer renitenten Wut. Der Abschied vom Punkrock, den ihnen ihr Publikum nie so recht verziehen hat, wird in einigen wenigen herzhaft altmodischen Prinzipien noch hochgehalten: keine Love-Songs, keine Gitarrensoli. Stattdessen: sperrige Wörter wie "Schurkenstaat" oder "Weltmenschheit" über verqueren Gitarrenattacken und disparaten elektronischen Splittern. Texte über Start-up-Hysterie, Rassismus und Globalisierung, die sich nicht um den Reimzwang scheren und gesungen werden zu Melodien, die dem Duktus der Sprache folgen, anstatt hittauglicher Eingängigkeit nachzuforschen. Musik als Widerhaken.

Selbst an den linken Zusammenhängen, in denen sie fest verortet sind, reiben sich sich stets widerborstig. "Wat soll'n die Nazis raus aus Deutschland", fragt Sänger Schorsch Kamerun, "die Nazis können doch nicht raus, denn hier gehör'n sie hin." Solche Aussagen signalisieren weniger Provokation denn die prinzipielle Bereitschaft, antizyklisch zu denken. Die entspringt aus einem Unbehagen, sich plötzlich mitten in einem antirechtsradikalen Konsens zu befinden, der von Konkret über den Kanzler bis zur CSU reicht. "Raus aus wo und rein worin?", fragen sie. Denn die alten Parolen sind längst kompatibel geworden mit den Systemen, die dereinst angegriffen werden sollten. "Der Kampf geht weiter", singt Kamerun in der Rolle eines Dotcomers, "Börsengang noch in diesem Jahr."

So haben sie den bereits zehn Jahre alten Song Alles was ich will (Nur die Regierung stürzen) neu aufgenommen. Nur, diesmal heißt er: Von den Schwierigkeiten die Regierung stürzen zu wollen. Den Revoluzzern sind nicht die Ziele abhanden gekommen. Aber in all den Jahren und mit dem Alter sind die Motivationen im Poesiealbum des Widerstands arg verblasst. Und Thomas Anders ist wieder zurück in den Charts.