"Die Wirtschaft ist sowieso am Boden, und jetzt das noch", sagt Laura Lavergne, die keinen klaren Gedanken fassen kann. "Jetzt haben sie auch noch die Grenze zu Mexiko dichtgemacht." Little Ania rennt vor dem Fernseher auf und ab, der einen brennenden Wald in Pennsylvania zeigt. Mit fünf ist sie noch zu klein, um zu verstehen, was geschah.

Vor dem Hoteleingang wendet sich eine verzweifelte junge Frau auf Englisch an die uniformierten Portiers: Sie müsste dringend nach London telefonieren. Es ist die 20jährige Nathalie Andrews; ihr Vater sei nach New York geflogen. Ein Journalist, der Zeuge der Szene wird, leiht ihr sein Handy. Der Vater ist nicht geflogen. Sie strahlt voller Glück und bedankt sich.

Hinter dem Hotel, in der Wilhelmstraße, steht ein Sattelschlepper der Berliner Polizei. Gegen acht werden Absperrgitter abgeladen. Beamte der Bereitschaftspolizei in paramilitärischen Anzügen riegeln mit den Gittern in wenigen Minuten die Britische Botschaft ab. "Was das jetzt bringen soll, weiß ich auch nicht", sagt der Einsatzleiter. Ihre Schicht habe vor einer Stunde begonnen, seitdem komme eine Anweisung nach der anderen.

Ein paar hundert Meter weiter auf der anderen Straßenseite ist alles ruhig: Wilhelmstraße 65, Sitz der "Botschaft des Islamischen Staates Afghanistan", wie ein mit Klebeband am Briefkasten befestigtes Papier verrät. Es gibt keine Klingel, es gibt auch keine Polizei vor dem tristen Bürogebäude. Zwar ist Licht im Haus, aber unter der Telefonnummer der Botschaft meldet sich nur eine minutenlange Durchsage vom Anrufbeantworter in einer sehr, sehr fremden Sprache.

Ums Eck, Unter den Linden 63, liegt ebenso still die russische Botschaft. Die Flagge auf dem Dach ist angestrahlt, halbmast. Ein einsamer Polizist trotzt im Gummiumhang dem Dauerregen, über die Dienstmütze hat er sich eine Duschhaube gezogen. Warum die russische Botschaft nicht abgeriegelt werde wie die britische? "Die russische steht sowieso unter besonderem Schutz", brummt er, "Solidarität wird auch bekundet." Hier scheint keine Gefahr zu drohen. Klingeln, ein Schnarren aus der Gegensprechanlage: "Die Botschaft ist zu. Kommen Sie morrrgen!"

Die US-Botschaft ist weiträumig abgesperrt. An der Kreuzung Unter den Linden/Neustädter Kirchstraße haben sich gegen neun spontan an die fünfzig Menschen aller Altersgruppen versammelt. Manche legen Sträuße nieder, andere zünden Kerzen und Teelichter an und stellen sie auf den Fußweg, schützen sie mit umgedrehten Plastikbechern gegen Regen und Wind. Zwischen Straßenschild und Verkehrsampel spannt sich ein vom Regen schon durchnässtes Transparent: "No Revenge, please. No World War 3." - Keine Rache bitte. Keinen dritten Weltkrieg.

Ralf und Bärbel Lüdke, ein 50jähriger Berliner Tischlermeister und seine Frau, haben Rosen mitgebracht. Die Amerikaner hätten so viel für Berlin getan, für die Freiheit, "ein Haus mit 30 000 Menschen in drei Stunden weg, wie konnte das passieren", fragen sie.