In dreierlei Hinsicht ist der Kamikaze-Angriff auf das World Trade Center und das Pentagon schlimmer als die Bomber-Attacke auf die pazifische Basis der US-Kriegsmarine. Hawai, eine Randbesitzung, war noch nicht einmal ein Bundesstaat; New York und Washington aber bilden zusammen das Herz Amerikas. In Pearl Harbor starben 2395 Soldaten; am vorigen Dienstag könnten zehn mal mehr Menschen, Zivilisten obendrein, umgekommen sein. Und 1941 wussten die Amerikaner, wo der Feind saß - sie ruhten und rasteten nicht, bis sie in Tokio die Stars und Stripes aufziehen konnten; jetzt aber müssen sie rätseln, wo eigentlich der Feind sich versteckt hält. Es gibt keine Adresse, an die sie postwendend ihre Vergeltungs-Sendungen richten könnten.

Vergeltung aber werden sie üben, soviel ist gewiss. Schon hat Präsident Bush klipp und klar gesagt: Den amerikanischen Gegenschlag haben nicht nur die Drahtzieher der Terrorakte zu gewärtigen, sondern alle, die ihnen Unterschlupf und damit Unterstützung gewähren. Damit wird die unheimliche Bedrohung durch nomadisierende, nichtstaatliche Terrororganisationen gleichsam territorialisiert. An den Vergeltungswaffen hängt ein Adresszettel. Grund genug für einige Herrscher in Schurkenstaaten, den Kopf einzuziehen oder - besser noch - den Luftschutzraum aufzusuchen. Die Taliban-Diktatoren stehen an oberster Stelle auf der Liste. Wer sonst noch? Es darf spekuliert werden. Die von Radikalinskis beherrschten afghanischen Flüchtlingslager in Pakistan? Der Irak? Das sudanesische Regime? Die Welt wird es erst erfahren, wenn es geknallt hat.

Wir aber, Amerikas Bündnispartner, hängen alle mit drin. In seinen ersten Erklärungen schon hat Präsident Bush die Terror-Attacken auf New York und Washington ganz bewusst einen "act of war" genannr, einen kriegerischen Akt. Damit war der Beistand angemahnt, den die Nato-Mitglieder einander für den Fall eines Angriff auf einen von ihnen versprochen haben - Artikel 5 des Nordatlantikpaktes. Er sieht vor, "dass ein Angriff gegen einen oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird". Zum ersten Mal seit ihrer Gründung 1949 hat die NATO jetzt den Bündnisfall ausgerufen. Die Beistandsverpflichtung tritt in Kraft, sobald die Amerikaner die Urheber der jüngsten Anschläge lokalisiert haben.

In den letzten Tagen haben alle NATO-Mitglieder dem Partner Amerika Solidarität gelobt. Aber machen wir uns nichts vor: Hinter der Fassade der Solidarität gärt viel Unbehagen. Was heißt Beistand? Wofür werden wir dienstverpflichtet? Müssen wir Truppen schicken, Jagdbomber für Vergeltungsflüge stellen? Artikel 5 des NATO-Vertrages ist unbestimmt, jeder Bündnispartner muss nur die Maßnahmen treffen, die er selber für erforderlich erachtet. Während des Ost-West-Konfliktes konnte dies von der Atombombe bis zum Beileidsbrief reichen. Auch jetzt liegt die Wahl der Mittel in der souveränen Entscheidung der Nationen. Deren Beschlüsse aber werden abhängig sein von dem, was die Amerikaner vorhaben.

Niemand kann wollen, dass Kabul "plattgemacht" wird - zu viele Unschuldige würden leiden. Keiner darf anstreben, dass der Verlust an Gut und Blut, den der Vergeltungsschlag verursacht, eins zu eins den Verlusten in New York und Washington entspricht. Alle müssen darauf achten, dass nicht eine brutale Repressalien-Politik à la Scharon bloß den nächsten Terroranschlag herausfordert.

Solidarität der Bündnispartner setzt die Besonnenheit des Bündnisführers voraus. Handelte er in unbesonnener Cowboy-Manier, so zerbräche die Solidarität im gleichen Tempo, wie die Twin Towers vor unser aller Augen zerbröselten.