Die Diskussion über den Umgang mit dem Nürnberger Reichsparteitagsgelände ist neu entfacht. Anlass dafür ist die bevorstehende Eröffnung eines Dokumentationszentrums am 4. November in einem Teil der Kongresshalle, der eigens dafür architektonisch umgestaltet wurde. Auf einer Gesamtfläche von 1300 Quadratmetern sollen Dokumente zur Geschichte des Nationalsozialismus ausgestellt und der Frage nachgegangen werden, mit welchen Methoden das Hitlerregime seine Faszination auf die Massen ausübte.

Welchen richtigen Umgang kann es mit den Hinterlassenschaften des Dritten Reiches geben? Am Beispiel des Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg hat sich diese Frage seit dem zweiten Weltkrieg unausweichlich gestellt und konnte bisher nicht überzeugend beantwortet werden.

Im Nationalsozialismus diente das elf Quadratkilometer große Gelände mit seinen monumentalen Bauwerken den Reichsparteitagen des Regimes, die als kultische Massenveranstaltungen aufgeführt wurden. Hitlers größenwahnsinnige Reden und die Aufmärsche von SS, SA und Hitlerjugend demonstrierten die Übermacht der Nationalsozialisten und verführten viele hunderttausend Zuschauer. Die von Hitlers Architekten Albert Speer und Ludwig Ruff entworfene Kult-, Herrschafts- und Unterwerfungsarchitektur bot den Rahmen für die uniformierte Masse. Hier entstanden auch Leni Riefenstahls Propagandafilme, die noch heute beeindruckendes Beispiel für die ambivalente Faszination der faschistischen Ästhetik sind.

Nach Kriegsende wurde das Gelände von den Alliierten vereinnahmt und im Jahr 1948 der Stadt Nürnberg wieder übergeben. Seitdem wird es pragmatisch und trivial genutzt: auf der Zeppelintribüne, einem der Schauplätze von Hitlers Propagandaveranstaltungen, finden Autorennen und Rockfestivals statt, ansonsten grillen hier die Anwohner oder spielen Tennis. Den Torso der einst für Tagungen der NSDAP gedachten Kongresshalle nutzt das Versandhaus Quelle als Lager. Auf dem nie fertiggestellten Märzfeld ist sogar eine Trabantenstadt entstanden. Wo ehemals Schaumanöver der Wehrmacht stattfinden sollten, leben heute etwa 32.000 Menschen.

Die Stadt Nürnberg zeigte sich im Laufe der Jahrzehnte überfordert, ein überzeugendes Nutzungskonzept für das Gelände zu finden und umzusetzen. Verschiedene wirtschaftliche Pläne scheiterten am finanziellen Aufwand, aber auch an der Zögerlichkeit der politisch Verantwortlichen. Für die Verdrängungslösung Wegsprengen waren die Bauten zu riesig, nur kleinere Teile wurden so beseitigt. Die übrigen Bauwerke stehen seit 1973 unter Denkmalschutz. Ein Nutzungskonzept stammt von der Firma „Congreß und Partner“. Diese schlug 1987 vor, die Kongresshalle in ein luxuriöses Shopping- und Freizeitcenter umzugestalten. Der Plan wurde nicht umgesetzt, bei aller Unentschiedenheit wollte man den historischen Ort nicht zu einem Mahnmal des kommerziellen Größenwahns machen. Die fehlende politische Auseinandersetzung mit dem ungeliebten Erbe wird in der Literatur als „Geschichte der Versäumnisse“ bezeichnet.

Mit diesem größten der bestehenden NS-Bauwerken umzugehen, ist allerdings auch eine schwer lösbare Aufgabe. Das Gelände wurde zur Unterstützung von Hitlers Ideologie konzipiert und hat in einer Demokratie keine Funktion mehr. Bestehen bleibt die Forderung nach einem Umgang, der mehr bietet als den Maßstab Machbarkeit und das Prinzip Pragmatik.

Im Jahr 1984 wurde der Versuch einer Auseinandersetzung unternommen. Die Stadt veranstaltete in Zusammenarbeit mit der Nürnberger Firma „Medientechnik“ in der Halle der Zeppelintribüne eine Ton- und Bildschau, die Terror und Gewalt hinter der Selbstdarstellung des NS-Regimes zeigen sollte. Die Show wurde zum Publikumserfolg, aber nach drei Wochen wieder eingestellt; Kritiker warfen ihr vor, dass sie selber durch die Faszination verführe, die sie eigentlich entlarven wolle.