Steinbach: Im Prinzip ja. Aber diese Terroranschläge würden sich nicht gegen Deutschland richten. Anders in Amerika: Anschläge in Amerika richten sich gegen Amerika. Wenn es hier Anschläge gibt, dann sind sie auf Ziele gerichtet, die mit der Situation im Nahen und Mittleren Osten in Verbindung stehen. Aber die deutsche Politik ist kein Ziel von Terrorismus.

Die Zeit: Die USA sind für Islamisten der Hort des Unglaubens. Wie betrachten die Gotteskrieger Deutschland im Vergleich?

Steinbach: Die Iraner sprechen vom "großen Satan". Und Amerika steht eigentlich dafür. Großbritannien steht noch für Reste des Erbes seiner Kolonialpolitik, genauso Frankreich. Wenn es um den Kampf gegen die gottlose Welt geht, gegen den Materialismus, dann steht Amerika dafür symptomatisch und symbolisch. Der Wertekonflikt wird stellvertretend für den ganzen Westen mit den Amerikanern ausgetragen, weil Amerika für das Gefühl der islamischen Welt steht, dominiert zu werden, diskriminiert zu werden, und westlichen Ölinteressen untergeordnet zu werden. Dieses Gefühl der absoluten Unterlegenheit vermitteln den Islamisten vor allem die USA. Die Deutschen haben nie zu diesem Gefühl beigetragen.

Die Zeit: Kann sich das ändern, wenn Deutschland an der Seite der USA an Vergeltungsmaßnahmen teilnimmt?

Steinbach: Ich würde sagen nein. Wir werden eine Juniorrolle spielen. Meist glauben die Islamistischen auch noch, dass Deutschland ein Land ist, das der dominanten amerikanischen Macht nachgeordnet ist, dass wir sozusagen mitmanipuliert werden. Das hört man immer wieder. Dann ist da ja noch der jüdische Faktor. Man sagt: Wir verstehen, wegen eurer Geschichte dürft ihr euch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen.
Selbst falls Deutschland sich jetzt an Militäraktionen beteiligt, wird es nicht in die Reihe der Mächte eingereiht werden, die man um ihrer selbst willen angreift.

Die Zeit: Das heißt, zu rechnen wäre eher mit Anschlägen auf Nato-Militärbasen in Europa oder auf amerikanische Vertretungen...

Steinbach: Das kann bis zu McDonald's gehen. Nato-Einrichtungen, Konsulate, Wirtschaftseinrichtungen, prominente Firmen - alles ist möglich, was in irgendeiner Weise mit Amerika assoziiert wird. Oder mit Israel.