Niemand jedoch, den ich nach dem Echo seiner Bücher fragte, geriet auch nur einen Augenblick in Verlegenheit. Weder die kleine Sekretärin eines Import-Export-Büros noch der geschäftstüchtige Innendekorateur in der Nähe der Madeleine noch der besessene Filmallroundman in Neuilly noch die gesetzte Modistin in ihrem "Salon" auf dem Montmartre. Da war nicht einmal die nahe liegende Gefahr einer Verwechslung mit dem halben Namensvetter, dem Engländer Graham Greene, dessen Weltruf auch den Franzosen immerhin so geläufig ist, dass Stefan Andres etwa mit der Übersetzung seines "Ritters der Gerechtigkeit" als "un Graham Green allemand" empfohlen wird.

In der Rue de Varenne wehte einst die Luft Marcel Prousts. Ein Polizist vor dem Hotel Matignon, dem Sitz des Ministerpräsidenten, brachte mich auf das Stichwort: eine Art Nebenlinie des Faubourg St. Honoré. Die müde sommerliche Ruhe der stillen distinguierten Straße wurde hier flüchtig aufgestört. Eine ehemalige Adelsstraße belehrte mich der Schutzmann. Es sei allerdings schon eine beträchtliche Weile her, fügte er verschmitzt hinzu. Doch Frankreich sei konservativ. Ein Pariser Quartier behalte sein Gesicht. Nun sei dies Ministerien- und Diplomatenviertel. Schließlich kam ein Bonmot: nicht die Leute wechseln den Anzug, sondern der Anzug wechselt ab und zu die Leute.

Das Haus mit der Wohnung Greens versteckt sich hinter einem Torvorbau. Unmittelbar gegenüber die italienische Botschaft. In seinem Rücken, durch einen tiefen, parkähnlichen Garten verdeckt, das aristokratische Botschaftspalais der UdSSR in der Rue de Grenelle. Ein schlummernder Vorhof dämpft das ferne Brausen der Stadt. Vierter Stock, liest man neben der Portierloge: M.. Julien Green et Mademoiselle Green. Das bleibt der einzige familiäre Hinweis. Auch umständliche Floskeln erübrigen sich gottlob. Da sitzt kein Literat, der charmant oder ironisch, effektsicher oder zynisch zu einem Exkurs über den Jahrmarkt der Eitelkeiten ermuntert. Nur ein sehr jung, zugleich wach und verträumt wirkende, ein entwaffnend bescheidener Mann, Jahrgang 1900. Er schreibt Bücher. Schön. Man zählt ihn seit zwanzig Jahren zur Elite des literarischen Frankreich. Aber er zitiert nur widerstrebend die Titel seiner Romane, die ihn zu einem Begriff gemacht haben, geschweige denn, dass er das eine oder andere Buch erläutert. Seine ersten Sätze gleich lenken das Gespräch auf Deutschland. Die Nachbarwelt jenseits des Rheins war für ihn lange eine terra incognita. Er teilte, gesteht er offen, gewissen Vorurteile des Durchschnittsfranzosen. Ein kurzer Zwischenaufenthalt in Hamburg, auf einer Reise nach Dänemark, wurde dann plötzlich zur wahren Entdeckung für ich. "Stupéfait" sei er gewesen, höchst erstaunt, bestürzt. Er blieb in Hamburg, und statt nach Norden reiste er schließlich nach Berlin, nach Weimar weiter. Das war 1929. Bayern, alsbald seine besondere Liebe, vor allem München folgten. Er kam nun – bis 1933 – jeden Sommer. In Heidelberg, Anfang der dreißiger Jahre ("Ich erinnere mich noch genau: Berlin hatte seine ‚déroute financière’, den Danat-Bankkrach"), schrieb er "Epaves", auf deutsch: "Treibgut", seinen fünften Roman. Er liebe die deutsche Literatur. Er lese sie im Original. Hölderlin, immer wieder Hölderlin, steht für ihn an der Spitze. Dann Stefan George. Die Poesie, die Lyrik ist seine große Passion. Keats. Baudelaire. Er bekennt sich nachdrücklich, beinahe aggressiv zum "l’art pur l’art". Auf die Erwähnung Sartres antwortet er kaum mit einem halben Satz. Nein, er kenne kein Programm. Er schreibe. "Ich schreibe, weil ich schreiben muß." Ein weißes Blatt Papier fasziniere ihn. Es zwinge ihn , die Feder anzusetzen. "Ich würde sterben, wenn ich nicht mehr schreiben könnte." Anfangs habe es, wenn man so wolle, keine Pause in der Arbeit gegeben. Er war erst vierundzwanzig Jahr alt, als "Der Pilger auf Erden", sein Erstling, entstand. Zehn Romane wurden es seitdem. "Mont-Cinère"m, "Adrienne Mesurat", "Léviathan", auch "Le Visionnaire" und "Minuit" scheinen ihm längst entschwunden. "Moïra", 1950, sein letztes, hält er für sein bestes Buch. Selbst die vier Bände Tagebuch, seine große Konfession, neben Gides Selbstanalyse das erregendste französische "Journal" dieser Jahre, scheinen ihn nicht mehr zu interessieren. Gegenwärtig beschäftigt ihn ein Stück: "Mein erstes pièce". Ein Drama? Eine Tragödie? Möglich. Ein paar Personen. Es wird sich zeigen, was daraus wird. Auch ein neuer Roman ist angefangen. "Heute schreibe ich nur, wenn es, wie es im Französischen heißt, in mir singt." Er lächelt: aber es "singe" immer. Gut zwei Stunden täglich, von 10 bis 12 Uhr vormittags, das sei das Arbeitspensum. Und nachmittags Freunde. Es gehe sehr langsam. Schritt für Schritt. Eine halbe, allenfalls dreiviertel Seite jeweils. Nicht das Panorama, die Vielfalt der Schicksale, die Fülle oder die Breite entscheide, sondern die "Essenz" in jedem Wort, das "Konzentrat". Aktualität im begrenzten Sinne ist ihm fremd. Er drücke nur aus, was er empfinde. Die Objektivität des Romanciers? Er hält sie offenbar für einen Trugschluß. Nein, er habe keine Distanz zu den Menschen, die er darstellt. Im Gegenteil.

Im April dieses Jahres, als eine vierzehnköpfige Jury aus Mitgliedern der Académie française und der Académie Goncourt Julien Green den neu gestifteten Großen Literaturpreise von Monaco zusprach, zeigte ihn eine Pariser Literaturzeitung in verschiedenen Lebensaltern. Danach glaubte man ihm, dem gebürtigen Pariser, die Herkunft von amerikanischen Eltern. Aber der persönliche Eindruck weist, zumindest physiognomisch, eher auf den Süden Frankreichs hin. Das Temperament zwar irritiert. Eine beharrliche Spur von Melancholie. Ein Grübler, alles andere als ein Rationalist. Faulkner, das ist für ihn die heutige amerikanische Literatur. Freud langweilt ihn. Man brauche keine Psychoanalyse, um das Leben und die Menschen zu kennen. Und dann, als einziger, folgerichtiger Kommentar zur Welt seiner Romane: Das Leben sei tragisch. Es sei immer, auch oder gerade im Glück, bedroht. Gewiß, er sei Katholik. Doch kein Dogmatiker – wie Bernanos. Jedes Dogma töte die Dichtung. Ein buch, er zog es aus dem Regal, führte ihn zum Katholizismus. Ein dunkelblauer, umfangreicher Leinenband: "The faith of our fathers" ("Der Glaube unserer Väter"). Verfasser: James Kardinal Gibbons, Erzbischof von Baltimore. Er las es als Fünfzehnjähriger, ein Jahr nach dem Tode seiner Mutter, und konvertierte. Auch der Vater war zuvor heimlich Katholik geworden. Im übrigen: Religion sei keine Frage des Glaubens, sondern eine Weltanschauung.

Die Totenmaske Pascals hing an der Wand. Außerdem eine Landschaft von Goghs, ein Frauenbildnis Renoirs. Keine Schreibmaschine auf dem Tisch. Statt dessen ein Stapel handgeschriebener Briefe. Ringsum Bücher. Das Arbeitszimmer eines gebildeten Mannes, der die Stille liebt. Einmal klingelte in einem Raum auf der anderen Seie des Flurs das Telefon. Man hörte es kaum.