Das Land, das Osama bin Laden beherbergt, bereitet sich auf einen amerikanischen Angriff vor: Als Erste verließen die internationalen Helfer Afghanistan. Nun fliehen die Einheimischen - viele versuchen, irgendwie die 1400 Kilometer lange Grenze nach Pakistan zu überwinden. Die antitalibanischen Rebellen im Norden bieten den USA ihre Hilfe an. Unser Autor, freier Journalist in Berlin, hat Afghanistan vor der aktuellen Zuspitzung der Lage mehrere Wochen lang bereist.

Kabul

Mohammed Youssef ist ein Mann mit Courage. Seit 1995 betreut der studierte Elektroingenieur Straßenkinder in Kabul - etwa 40 000 leben in der afghanischen Hauptstadt. Dass es für sie überhaupt so etwas wie Hoffnung gibt, ist das Verdienst von Mohammed Youssef und seiner Organisation Aschiana.Unterstützt von der Schweizer Stiftung terre des hommes,werden in verschiedenen über Kabul verstreuten Zentren jeweils an die 3000 Kinder betreut. Sie erhalten zwei Mahlzeiten am Tag, werden medizinisch versorgt und bekommen eine rudimentäre Ausbildung.

Für die bildungsfeindlichen Taliban ist das ein Grund zum Misstrauen. Weil an dem Unterricht auch Mädchen teilnahmen, saß Mohammed Youssef 1998 drei Tage im Gefängnis der Religionspolizei. Schon bei dem Gedanken an diese Zeit tritt ihm der Schweiß auf die Stirn. Darüber reden möchte er nicht. Die Mädchen, so deutet er an, werden jetzt woanders betreut. Trotz der Gerüchte um einen möglichen amerikanischen Angriff will Mohammed Youssef in Kabul bleiben.

Viele mittlere Taliban-Funktionäre sind mit ihren Familien bereits aus der Stadt geflohen. Unter anderen Umständen wäre dies für die Bevölkerung ein Grund zur Freude; in Kabul sind die Taliban schlichtweg unbeliebt. Bei ihrer Ankunft im September 1996 wurden sie von vielen noch als Befreier begrüßt, da sie den Bürgerkriegsterror der miteinander verfeindeten Mudschahidin-Gruppen beendet hatten. Doch die Ernüchterung kam schnell. Die "Gottessucher", so die wörtliche Übersetzung von "Taliban", zwangen der Bevölkerung rücksichtslos ihre Vorstellungen von islamischer Lebensführung auf. Ihre Interpretation des Korans ist geprägt von den paschtunischen Traditionen ihrer dörflichen Lebensweise. Für die Einwohner der ehemals liberalen Universitätsstadt Kabul war das ein Kulturschock, der bis heute anhält.

"Eine Schande für alle Afghanen"

Auch der Arzt Dr. Murzi (Name geändert) plant, Kabul zu verlassen. Der knapp 50-jährige Afghane ist Delegationsleiter einer der bis vor kurzem noch knapp 40 westlichen Hilfsorganisationen in der Hauptstadt. Die Taliban sind in den Augen des Mediziners im Grunde "verrückte Leute". Dass sie die jahrhundertealten Buddha-Statuen in Bamiyan einfach in die Luft sprengten, kann der religiöse Muslim ihnen nicht verzeihen. Eine "Schande für alle Afghanen" nennt er diese Tat, hinter der er die "unseligen" Pakistanis vermutet, die damit ihren Erzfeind Indien provozieren wollten. Murzi sitzt oft stundenlang mit den Funktionären der Taliban zusammen, um Genehmigungen für Hilfsprojekte auszuhandeln. Mal geht es um die Duldung einer medizinischen Betreuungsmaßnahme für Mädchen, mal um die zahlreichen weiblichen Angestellten, die in der Gesundheitsfürsorge seiner Organisation tätig sind. Murzi ist geduldig, humorvoll und in seinen Bemühungen oft erfolgreich. "Nicht alle Taliban sind gleich", sagt er. Viele hätten Verständnis für seine Bemühungen und seien durchaus hilfsbereit. "Zudem", darin sieht er eine gewisse Möglichkeit der Einflussnahme, "sind sie oft sehr schlecht bezahlt."