Dort machte sie auch ihr berufliches Glück. 38 Jahre lang trieb sie in einer von damals 24 Keramikfabriken die Drehscheibe an. Durch die Herstellung von Steinzeug und sonnengelber Bornholmer Fayence trug sie bei zum Ruhm der dänischen Keramikmetropole - bis ihr Bubikopf schneeweiß wie ein Strohdach im Inselwinter wurde und die Hände rot und deformiert vom permanenten Kneten des feuchten Tons.

Als die Öfen ausgingen

»Hier bin ich ein altes Weib geworden«, sagt die Künstlerin betont cool. Doch ihre Stimme stockt, wenn sie davon erzählt, wie sie und viele ihrer Kollegen gegen Ende der achtziger Jahre zum Auslaufmodell wurden. Die boomende Branche machte schlapp. Der Durchschnittstourist liebäugelte zwar noch immer mit tönernen Kreationen, doch gern auch mit Glas und Stoff und Aquarellen. Und das Gewerbe, das schon im Mittelalter die gesamte Ostseeregion mit Pötten und Kruken versorgte, schrumpfte wie ein Bückling im Rauchfang. Viele Brennöfen gingen aus.

Damals sorgten sich auch die Erbinnen des Keramikfabrikanten Lauritz Hjorth um das Überleben ihres Familienbetriebes. Seit 1859 florierte das Unternehmen in Rønnes stiller Seitenstraße Krystalgade. Fast schien es, als hätte hier Keramos seine Hand im Spiel - jener Glücksbringer, der laut Legende von Gott den Auftrag bekam: »Forme deine Träume mit deinen Händen.« Doch die Glut, die der Geist des Keramos jahrzehntelang in den Öfen des alten Herrn Hjorth geschürt hatte, erlosch.

Ulla und Marie, den Urenkelinnen des Firmengründers, drohte die Pleite. Mithilfe öffentlicher Gelder gelang es ihnen aber vor ein paar Jahren, das historische Gebäude als Museum umzugestalten. In gläsernen Vitrinen werden nun Amphoren, Schalen und Apothekerkrüge aus drei Jahrhunderten ausgestellt. Darunter auch einige Bravourstücke von Marianne Stark und Unikate moderner Keramiker, die mit abstrakten Formen und Designs zum Aufbruch ihres Gewerbes ins 21. Jahrhundert beitragen. Den Werkstatttrakt konservierten die Initiatoren. Hier wird auch weiterhin modelliert, lasiert und gebrannt.

Wie Mehltau überzieht der Staub, der beim Schleifen der Gipsformen abfällt, die dunklen Holzdielen. Mattes Licht fällt auf das Gefäß aus butterweicher Erde, das gerade auf Ullas Drehscheibe wächst. Eine versunkene Welt scheint hier unter Denkmalschutz zu stehen - eine Szenerie wie auf einem ausgeblichenen Schwarzweißfoto.

Knallrot leuchtet draußen der Abendhimmel. Dieses Licht, das die Insel noch im Spätsommer mit warmen Farben bestrahlt, zieht pro Jahr rund eine halbe Million Touristen an. Unter seinem Panzer aus Granit hockt Bornholm wie ein gezähmtes Tier im Binnenmeer - mit 45 000 Einwohnern dünn besiedelt und geografisch abgekoppelt vom Mutterland. Ein Wärmespeicher in der Ostsee; paradiesischer Acker für Feigen, Maulbeerbäume und Cannabis; Ankerplatz für Kunsthandwerker, die nirgendwo in Europa so geballt vorkommen wie auf dem dänischen Sonnenparallelogramm.