Ramallah

Vielleicht, hofften die Palästinenser inbrünstig nach den Anschlägen, seien die Schuldigen ja doch ganz andere. Vielleicht Japaner, wegen der Atombombe auf Hiroshima. Oder Serben, auf Rachefeldzug gegen die Nato. "Amerika hat so viele Feinde", sagte Bassim Barhoum, Direktor der Informationsabteilung des Parlaments in Ramallah, "warum sollen es ausgerechnet Araber gewesen sein?" Vor allem aber treibt ihn die Sorge um, dass am Ende einer der Ihren zu den Attentätern gehört haben könnte. "Stellen Sie sich nur vor, dass Osama bin Laden, wenn er es denn gewesen ist, palästinensische Piloten benutzt hat!"

Seit Dienstag vergangener Woche sind die Palästinenser in der Defensive. Nach fast zwölf Monaten Intifada versuchen sie jetzt alles, um nicht mit dem Terror in Verbindung gebracht zu werden. Die Fernsehbilder einiger jubelnder Kinder in Ostjerusalem gingen um die Welt. Kaum beachtet wurde die Nachricht, palästinensische Sicherheitskräfte hätten Filmmaterial von antiamerikanischen Szenen konfisziert. Lokalen Reportern drohte man, sie seien ihres Lebens nicht mehr sicher, sollten sie derartige Bilder veröffentlichen. Im Gaza-Streifen wurde ein norwegischer Fotograf verhaftet. Er hatte Demonstranten aufgenommen, die mit Bildern von Osama bin Laden umherzogen. Lieber gilt die Autonomiebehörde als rigides Polizeiregime, als auf der falschen Seite zu stehen.

Jassir Arafat will seine Fehler aus dem Golfkrieg nicht wiederholen. Damals hatte er für seine Umarmung Saddam Husseins einen hohen politischen Preis bezahlt. Jetzt will er zu "den Guten" gehören. Arafat ließ sich beim Blutspenden für die amerikanischen Opfer ablichten und sagte seinen lange geplanten Besuch in Damaskus ab. Die historische Versöhnung mit Syrien, ein Verbündeter der Hizbullah, muss vorerst warten. In den Schulen im Westjordanland und im Gaza-Streifen gab es Schweigeminuten, im Parlament eine Sondersitzung. In einer Trauerpetition bekundeten Prominente den Amerikanern ihr Beileid.

Zu ihnen gehört Hanan Ashrawi, die mittlerweile auch als Sprecherin der arabischen Liga auftritt. Sie warnt vor zweierlei. Dass, erstens, nach den tragischen Anschlägen in den Vereinigten Staaten automatisch ein Bezug hergestellt werde zu Palästina. Und dass, zweitens, Israel die "Situation ausnutzt für Angriffe gegen das palästinensische Volk, wohlwissend, dass die Welt woanders hinschaut". Während sie spricht, erreicht sie ein Anruf aus Arafats Büro. Der PLO-Chef habe gerade die Nachricht an George W. Bush und Colin Powell geschickt, teilt sie feierlich mit, dass sich die Palästinenser der Koalition gegen den Terrorismus anschließen. Was das genau heißt, vermag sie allerdings nicht zu sagen. Werden nun etwa die Mitglieder der Hamas-Bewegung und des Islamischen Dschihad verhaftet, die Arafat erst kürzlich zu Verbündeten im Kampf gegen die Besatzung erklärt hatte?

Die Palästinenser wollen keine Parallele sehen zwischen den Selbstmordattentätern in den USA und ihren eigenen "Märtyrern", die sich als "Soldaten im Krieg gegen Israel" in die Luft sprengen. Hanan Ashrawi weist jeglichen Vergleich entrüstet von sich. Natürlich sei sie gegen die Tötung unschuldiger Zivilisten - allerdings nur wenn es sich nicht um Israelis handelt. "Denn unser Ziel ist das Ende der Besatzung, und so mancher Palästinenser sagt sich: Warum sollen wir allein leiden, warum sollen allein unsere Kinder sterben? Die Menschen sind traumatisiert, unsere Gesellschaft brutalisiert."

Späte Nachdenklichkeit