Juncker: Guten Morgen.

Simon: Herr Juncker, welche Ziele verfolgt die Europäische Union in der aktuellen Krise?

Juncker: Wir müssen in der aktuellen Krise deutlich machen, dass wir keinen Deut von der Solidaritätsbekundung abrücken, die wir alle sofort in gleichlautenden Worten nach der Bekanntgabe der schrecklichen Ereignisse abgegeben haben. Wir müssen deutlich machen, und dies passiert auch zur Zeit schon, dass wir als Europäische Union in einem Militärschlag, der denkbar ist, nicht die einzige Antwort auf den Terrorismus sehen. Jeder weiß, dass mit einer einzigen, wenn auch gut durchgeführten Militäroperation der Herausforderung des Terrorismus nicht beizukommen ist. Unsere Antwort muss also breit sein, komplett sein, in die Tiefe wirken und über lange Zeit anhalten.

Simon: Gestern haben die EU-Innen- und -Justizminister ja einiges auf dem Feld der inneren Sicherheit und der Terrorismusbekämpfung beschlossen. Stichworte sind zum Beispiel die Aufstockung der Abteilung Terrorismus bei Euro-Pol, der europäische Haftbefehl. Das ist ja eine ganze Menge in einem Bereich, in dem die EU traditionell eher ihre Probleme hat. Reicht das denn?

Juncker: Es ist aus heutiger Sicht schwer zu sagen, ob das reichen wird. Es ist jedenfalls die Grundvoraussetzung, damit wir als Europäische Union und als 15 Länder der Europäischen Union den Kampf mit dem Terrorismus aufnehmen können. Wenn jeder für sich allein in seiner nationalen Ecke und auf seiner nationalen Strecke denkt, den Terrorismus bekämpfen zu können, ihn gar besiegen zu können, dann werden wir uns auf einen gefährlichen Irrweg begeben. Wir brauchen in Fragen der inneren Sicherheit deutlich mehr Europa.

Simon: Haben Sie denn den Eindruck, dass einige Regierungen, die bis jetzt doch sehr ihre nationalen Vorbehalte bei der polizeilichen Zusammenarbeit hatten, diese nun im Zuge dieser Krise eher fallen lassen?

Juncker: Es gibt einige, die tun sich schwerer mit dem, was ich "mehr Europa" genannt habe, aber jeder muss wissen: wenn wir Solidarität nach außen üben wollen, wenn wir Solidarität mit den Amerikanern üben wollen, wenn wir als internationale Völkergemeinschaft aktiv gegen den Terrorismus antreten wollen, dann brauchen wir auch Solidarität nach innen. Dann müssen wir alle Kräfte sammeln die wir brauchen, um in Europa intern die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass wir uns gegen den Terrorismus behaupten können.