Müntefering: Guten Morgen Frau Engels.

Engels: Herr Müntefering, gestern Abend hatten sich noch eine Ampelkoalition nicht ausgeschlossen. Diese Hoffnung ist nun vom Tisch, denn Christa Krista Sager von der Grün-Alternativen Liste hat ihren Rückzug von Regierungsambitionen bekannt gemacht. Wie geht es nun weiter in Hamburg? Was raten Sie Ortwin Runde, große Koalition?

Müntefering: Das ist die Stunde, wo man mit dem, was die Wählerinnen und Wähler uns gegeben haben, sehr verantwortlich umgehen muss. Das sind eben 10 Prozent mehr als die nächste Partei; das ist die CDU. Das heißt der Regierungsauftrag liegt bei der SPD und deshalb gehe ich davon aus, dass Ortwin Runde und Olaf Scholz heute den anderen demokratischen Parteien das Angebot zu Verhandlungen machen, das heißt den anderen außer Schill.

Engels:Schill soll also nicht mit an den Tisch, aber ist das denn realistisch? CDU-Spitzenkandidat Ole von Beust hat gestern Abend schon angekündigt, es offenbar mit Ronald Schill probieren zu wollen, und auch die FDP steht bereit.

Müntefering: Auch das wäre ja eine labile Organisation, die sich dort aufbaut, drei Parteien miteinander. Ich denke, dass auch in der CDU und der FDP genügend Leute sind die wissen, dass in einer Situation wie dieser eine solche Stadt innenpolitisch nicht in die Hände von Schill und Co gehen kann. Wir sind uns alle darüber einig: Recht und Ordnung muss sein, Kriminalität muss bekämpft werden. Aber Recht und Ordnung müssen von Leuten dargestellt werden, die hinreichend liberal, sozial und aufgeklärt sind, und nicht von Leuten, die damit umgehen wie Schill, der populistisch ist, der aber natürlich mit seinen Ambitionen und mit seinen Thesen weit über das hinausschießt, was in demokratischen Parteien bisher dort üblich gewesen ist. Deshalb gehe ich immer noch davon aus, dass es ernsthafte Verhandlungen im Interesse der Stadt geben kann.

Engels: Sie halten, wenn ich Sie richtig verstehe, offenbar die Schill-Partei eigentlich nicht für koalitionsfähig mit einer demokratischen Partei?

Müntefering: Ich halte sie eigentlich nicht für eine wirkliche Partei, sondern ich glaube, dass hier in der Situation etwas entstanden ist, was sich bei der 97er Bürgerschaftswahl schon aufgebaut hat. Damals gab es viele kleine Parteien, vor allen Dingen rechte und auch Rechtsaußen-Parteien, die knapp unter der 5-Prozent-Linie blieben und deshalb nicht im Parlament waren. Das hat Schill verstanden zu sammeln. Was die demokratischen Parteien, die bewährten demokratischen Parteien verstehen und lernen müssen: Es muss mehr auch offensichtlich für den Bereich der inneren Sicherheit getan werden. Allerdings hat Olaf Scholz, seit er Innensenator ist, seit einigen Monaten leider erst auch deutliche Zeichen gesetzt. Das heißt wir haben verstanden. Wir sind auf dem Weg der Besserung. Jetzt kommt es darauf an, dass die demokratischen Parteien sich arrangieren und dass sie dann allerdings das Thema der inneren Sicherheit nicht wieder vergessen, sondern dass dann auch deutlich wird, dass Hamburg was diese Punkte angeht deutlicher und besser regiert werden muss, dass Sozialdemokraten das können. Übrigens, weil Herr Schill das immer anspricht: München ist sozialdemokratisch seit vielen Jahren regiert. Oberbürgermeister Ude ist Sozialdemokrat. Das kann vergleichbar auch in Hamburg von Sozialdemokraten mit anderen Parteien zusammen geleistet werden.