Es gibt Sätze, die scheinen bedeutungslos, weil sie das Undenkbare beschreiben. Bis das Undenkbare passiert. Anfang September sagte der amerikanische Forscher Robert Wright im Gespräch mit zwei ZEIT-Journalisten, dass nichts die Globalisierung aufhalten könne, außer: Umweltkatastrophen und - Terroristen. Wenn die mit neuen Ideen und Waffen zuschlügen und Amerika richtig träfen, dann würde das die Globalisierung zurückwerfen, sagte Wright. Acht Tage später krachten zwei entführte Flugzeuge in das World Trade Center und eines ins Pentagon.

Noch weiß niemand, wer hinter den Anschlägen steckt und ob der Begriff Globalisierung die Mörder kümmerte. Aber die Veränderung findet trotzdem statt. Als hätte Wright in die Zukunft gesehen, zeichnet sich eine neue Gegenbewegung zur Globalisierung ab. Sie hat nicht in Seattle, Prag und Genua die Behauptung herausgebrüllt, der weltweite Kapitalismus schade dem Süden, den Afrikanern oder Arabern. Die neue Globalisierungskritik basiert auf dem Glauben, die Menschen des Südens könnten dem Norden schaden. "Was wir jetzt erleben, ist eine Globalisierungskritik von rechts", sagt Klaus Zimmermann, Migrationsexperte und Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Die linke Globalisierungskritik protestierte gegen ungerechten Welthandel, deregulierte Finanzmärkte und Devisenspekulanten. Fast schien sie erfolgreich. "Wir waren ganz nah dran", sagt Felix Kolb, Sprecher der deutschen Sektion des Antiglobalisierungsbündnisses Attac. Jetzt sind sie wieder ganz weit weg, fürchten, dass niemand ihre Kritik hören will - vor allem, wenn sie sich gegen Amerika richtet. "Kritik an den USA wird schwer sein", sagt Barbara Unmüßig, Vorsitzende der Organisation WEED: "Dabei hatten wir nach Genua das Gefühl, dass unsere Themen endlich aktuell werden."

Davon ist keine Rede mehr. Gesprochen wird von größerer Sicherheit, nicht von Handels- und Finanzströmen und deren Regulierung. Gesprochen wird von Immigration. Aber nicht mehr davon, dass die Deutschen älter werden und schon deshalb Einwanderung brauchen. Dass ausländische Fachkräfte Arbeitsplätze auch für Deutsche schaffen. Dass Migration Wohlstand fördern kann. Stattdessen geht es wieder um stärkere Kontrolle. "Die Terroristen haben ein neues Feindbild geschaffen", fürchtet Thomas Straubhaar, Präsident des Hamburger Welt-Wirtschaftsarchivs (HWWA).

In den USA wurde die Diskussion um eine Amnestie für drei Millionen illegal in Amerika lebende Mexikaner aufgeschoben, aus verständlicher Angst wurden die Grenzkontrollen verschärft, die Visaerteilung wurde erschwert. Auch Deutschland reagierte. Die Bundesregierung sagte die für den 26. September geplante Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes ab. Innenminister Otto Schily erklärte, die Frage der Immigration sei nach den Terroranschlägen neu zu bewerten. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sagt im ZEIT-Interview, "wir werden mehr für die innere Sicherheit tun müssen" (siehe Seite 24).

Noch ist es nicht so weit. Noch haben die Anschläge nur die Diskussion und nicht die Gesetze verändert. Aber das könnte folgen, denn das neue Feindbild trifft auf eine alte Abneigung. Schon lange zeigt sich in vielen Ländern des Westens ein Widerspruch der Wirtschaftspolitik. Finanz- und Gütermärkte wurden geöffnet, Deregulierung und Flexibilität galten als Maxime. Nie aber entstand ein internationaler Konsens, dass zur Globalisierung auch die freie Wanderung von Arbeitskräften gehört. Hier galt das Wort vom "freien Wirtschaftsbürger" plötzlich nicht. "Ein Arbeitsloser, der von Südspanien nach Nordspanien geht, um einen Job zu finden, wird als Muster der Flexibilität gepriesen", beschreibt der holländische Migrationsexperte Jelle van Buuren den Widerspruch. "Wenn jemand mit demselben Ziel aber von sehr weit herkommt, wird er als Betrüger und Profiteur denunziert."

Besonders gilt das für die Alte Welt. Während die USA im vergangenen Jahrzehnt jährlich eine Million Immigranten - die meisten aus Staaten der Dritten Welt - zu neuen Staatsbürgern machte, verwandelte sich Europa schon lange vor den Anschlägen in den USA in eine Festung. 1991 gab die EU ihren Mitgliedern das Recht, Asylbewerber abzuweisen, wenn sie aus so genannten "sicheren" Drittländern - Nationen in Osteuropa oder der Türkei - nach Westeuropa einreisen. Damit schuf sich die Union einen Cordon sanitaire und überließ es ärmeren Staaten, mit den Flüchtlingsströmen aus aller Welt fertig zu werden. Die eigenen Grenzen dichtete die EU gleichzeitig ab. Im Jahr 1992 beschäftigte Deutschland an seinen Ostgrenzen 2700 Grenzsoldaten, heute sind es 7000.