Nur wenige Tage noch bis zur Wahl in Hamburg. Die üblichen Plakatwälder, nicht selten vom Windbruch heimgesucht. Grundfarbe Blau. Sprüche, die nichts sagen. Köpfe ohne Inhalt. Wie es eben so ist. Langweilig. Die Sprüche wechseln mit den Tagen. Die Köpfe weniger oft. Nur ein Motiv hält durch: Das Verlangen nach einem Wechsel. Keine Begründung. Nur: Wechsel.

In Hamburg hat dieses Verlangen ein spezifisches Gewicht. Eine CDU-Regierung hat es seit 44 Jahren nicht gegeben. So lange schon hat die SPD das Regieren abonniert, tief eingebettet in dem hier sprichwörtlichen roten Filz.

Will aber auch das Volk den Wechsel? Der Stadt geht es doch, zumindest relativ, gut; weniger Arbeitslose als anderswo; höhere Wachstumsraten; ein halbwegs geglückter Umstieg in die Dienstleistungsgesellschaft; ein prosperierender Hafen. Wirtschaft und Politik können gut miteinander. Verbunden im Stolz auf ihre Stadt. Die jüngsten Umfragen geben keine klare Antwort. Schlimmer noch: Sie sind im Grunde nichts wert. Sie sind vor den Terroranschlägen in Amerika gemacht worden. Üblicherweise helfen äußere Krisen den Regierenden zu Hause, also Rot-Grün. Doch diese Erfahrung will für Hamburg nichts besagen. Denn es gibt noch ein weiteres Spezifikum in der Hansestadt: eine galoppierende, mitunter hysterisch geführte Debatte um die innere Sicherheit. Und als Produkt den ehemaligen Amtsrichter Ronald B. Schill, der auf dieser Woge reitet, kein anderes Thema hat und schon zweistellige Umfragewerte erzielt (ZEIT Nr. 37 und 38/01). Schills rechtspopulistisches Gehabe ist ein Magnetfeld für Ängste aller Art.

Wer sich in diesen Tagen umhört in Hamburg, trifft gerade an diesem Punkt auf große Unsicherheit. Die innere Sicherheit, der "Krieg gegen Amerika", Schill - das könnte reichen. Aber eine klare Wechselstimmung ist das nicht. Das Klima ist diffus. Und außerdem: Da sind schließlich auch noch Sachargumente im Spiel, welche die Wähler in die eine oder andere Richtung drängen.

Eine kleine Stimmensammlung: Ganz klar formuliert der Staatsrechtler Ingo von Münch seinen Wunsch. Der Mann, der 1987 seine FDP nach dem Bruch der sozialliberalen Koalition in Bonn als Erster wieder in Hamburg in ein solches Bündnis führte, sagt heute: "Der Wechsel muss kommen. Nach 44 Jahren Dauerregierung der SPD wäre alles andere ein faktisches Außerkraftsetzen der Demokratie, denn Demokratie bedeutet Herrschaft auf Zeit, nicht für immer."

Ulrich Khuon ist neu in der Stadt. Intendant am Thalia Theater, parteilos. Auch er glaubt, die Stadt sei "zu lange in einer Hand", immerhin ist's für ihn die richtige. Er spürt bei sich und in seinem Hause keine Wechselstimmung. Die Kunst sei doch eher links, sagt er, links mit ihrem "Blick auf die Minderheiten". Wenn auch das Sparen schmerzt, so fühlt er sich doch bei seiner Senatorin, der ebenso parteilosen Christina Weiß, "gut aufgehoben. Da ist ein sehr guter Dialog". Sie sei "auch innerlich wirklich beteiligt". Und ihr Konzept, den kulturellen Einrichtungen mehr Eigenverantwortung zuzuweisen, gefällt ihm.

Aus fast gleich lautenden Gründen lobt Jürgen Lüthje, der Universitätspräsident, seine grüne Senatorin Krista Sager. "Sie hat den Hochschulen mehr Selbstständigkeit gegeben, mehr Eigenverantwortung zugemutet und zugetraut." Außerdem beim Sparen "Fehler korrigiert". Lüthje hat für seine Partei, die SPD, einen Wahlaufruf unterschrieben, "nicht als Präsident, sondern als Person". Ohne Schill hätte er das nicht getan. Und er sagt: "Wer unbedingt einen Wechsel herbeiführen will, soll konsequenterweise die CDU oder die FDP wählen, nicht Schill - im Sinne einer verantwortbaren Politik."