Auf der Reeperbahn nachts um halb eins: Menschenmassen schieben von Party zu Club, zu Bar, zu Lounge. Anders als zu Zeiten von Hans Albers sind kaum Seeleute darunter. Deren Schiffe legen heute weit entfernt von der Vergnügungsmeile an Containerterminals an, wo sie in Minimalzeit ent- und beladen werden. Zwar ist der Hafen immer noch das Herz der Hamburger Wirtschaft. Doch die Stadt prägen moderne Dienstleister, nicht Matrosen und Dockarbeiter.

Jetzt verliert Boomtown Hamburg ein Wahrzeichen der neuen Generation: Der Mojo-Club, den Insider als den besten Deutschlands rühmen, droht mit dem Umzug nach Berlin. Ein Indiz für das neue Image der Hauptstadt als angesagte Metropole, das zum Standortvorteil wird - auch gegenüber der Hamburger Konkurrenz.

Hanse- kontra Hauptstadt: Aus dem geplanten Zusammenspiel der beiden größten deutschen Städte ist ein Duell geworden. Das bescherte Hamburgs Wirtschaftssenator just vor der nun anstehenden Wahl eine Niederlage. Thomas Mirow beklagt die Umzugspläne von Universal, dem größten Musikproduzenten in Deutschland, Richtung Osten. Noch ist Hamburg zwar das deutsche Medienzentrum mit knapp 10 000 Unternehmen aus der Branche. Aber das muss nicht so bleiben.

Die ersten Redaktionen sind umgezogen, selbst wenn ihre Verlagshäuser an der Elbe blieben. Allen voran Fernsehsender: Sat.1 ging längst nach Berlin, RTL 2 nach Köln; TM 3, Premiere und MTV wanderten nach München. Jetzt wird Berlin zum Magneten für weitere Firmen der Filmwirtschaft.

Nach Jahren des Wachstums schrumpfe die Branche in diesem Jahr, befürchtet Studio-Hamburg-Geschäftsführer Martin Willich. Mirow: "Für viele kreativ tätige Menschen ist die Atmosphäre im neuen, etwas brüchigen Berlin sehr attraktiv." An der Spree lockt nicht nur eine trendige Szene, sondern oft auch eine großzügige Subvention - im Fall von Universal wohl mehr als 20 Millionen Mark. Niemand in Hamburg macht solche Abwanderung dem Wirtschaftssenator zum Vorwurf. Der Hauptstadtsog trifft allein den Medienbereich. "Thomas Mirow ist ein wirklich guter Senator", sagt Rolf Jenkel, Geschäftsführer bei der Handelskammer. Genauso begeistert sind die Landesvertretung des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und die Handwerkskammer - ungewöhnlich für einen Minister, dazu noch einen roten. Der 48-Jährige hat aber auch den Lebenslauf eines Musterknaben: mit 17 Abitur, mit 22 promovierter Politologe, mit 26 Leiter von Willy Brandts Büro.

Noch 1997, als er Wirtschaftssenator wurde, war die Arbeitslosigkeit mit 13 Prozent überdurchschnittlich hoch. Seither sank sie kontinuierlich, bis auf 7,9 Prozent im Juni. Und die Augustquote von 8,1 Prozent war immer noch der niedrigste Wert dieses Monats seit 1993. "Der Strukturwandel in Richtung Dienstleistung begann in Hamburg früher als in anderen Bundesländern", sagt Claus Kemmet, Geschäftsführer des BDI Hamburg. "Deshalb stehen wir im Mix der Unternehmen besser da." Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft im Stadtstaat um stolze 3,5 Prozent. Im ersten Halbjahr 2001 waren es noch 1,75 Prozent, 0,5 Prozentpunkte über dem Bundesschnitt.

Vor allem Dienstleister für andere Unternehmen schufen Jobs: Wirtschaftsprüfer, Anwaltskanzleien, Werbeagenturen; unter den zehn kreativsten Agenturen, die das Fachblatt Horizont nominierte, waren allein sieben aus der Hansestadt. Im Bereich der Neuen Medien entstanden etwa 20 000 Jobs. Zur Wertschöpfung tragen diese zukunftssichernden Dienstleistungen bereits ein Fünftel bei.