Das Besondere an diesem Hamburger Wahlkampf ist dies: Alle mögen Ortwin. Keiner redet schlecht über den Bürgermeister, im Gegenteil, die meisten erzählen von ihrer Sympathie für ihn, diesen netten, ehrlichen Kumpel, der so ganz anders sei als seine beiden Vorgänger, geduldig, unkompliziert, uneitel. Das ist schon was. Über Ortwin Runde, 57, verbreiten sogar Parteifreunde Freundliches, was heutzutage nirgendwo selbstverständlich ist, schon gar nicht in der Hamburger SPD. So lobt ihn auch Genosse Olaf, der zugleich Innensenator, Parteivorsitzender und Wahlkampfleiter der Partei ist, also ein einflussreicher und auch ambitionierter Mann, ebenso Genosse Thomas, der als Wirtschaftssenator und mehrfacher Krisenmanager Erfolge hatte, auch er nicht ohne Ehrgeiz; Lob aber auch von Krista, der Vizebürgermeisterin und Koalitionspartnerin. Und von Ole, dem Oppositionsführer, einem Mann mit Stil. Herrn Schill lassen wir außen vor.

Andererseits: Egal, ob man mit Sozialdemokraten wie Scholz oder Mirow, mit der Grünen Sager oder dem CDU-Mann von Beust spricht, erst recht Hamburgern, die in Distanz zum Rathausbetrieb leben, es beschleicht einen alsbald das Gefühl, irgendwie tut ihnen dieser Ortwin Runde leid. Früher oder später fällt unweigerlich das C-Wort: Charisma. Und damit hat Ortwin Runde es nun mal nicht so sehr. Er ist kein Volksredner, Repräsentierer, Medienkünstler. Vor allem ist er kein, wie es heute heißt, Performer. Er wirkt nach innen, nicht nach außen. Er ist obendrein, wie seine Leute leidenschaftlich versichern, ein effizienter Manager und kollegialer Chef. "Kein Chef-Chef", auch "kein Macho" (wie eine Senatorin schwärmt), vielmehr ein Meister im Motivieren des Teams. Wieso ist so einer eigentlich nicht in der Wirtschaft?

Vielleicht weil auch dort die Chefdarsteller schneller vorankommen. Runde, der in dem Spiel nicht so begabt ist, möchte am liebsten der Ortwin von nebenan sein. Drum mögen ihn so viele. Darum glauben so viele, dass er diese Wahl am 23. September leicht verlieren könnte. Weil er zu unaufdringlich ist. Wo ist er eigentlich, der Bürgermeister?

Auf Plakaten. Mal lehnt er an einem Airbus, mal an einer Wand von Bildschirmmonitoren. Ein Herr in gutem Anzug, mit treuherzigem Lächeln und postmodernem Schnauzer, hineingestellt in ein High-Tech-Ambiente, das die Zielgruppe definiert: Neue Mitte. Aufsteiger. Wen das Plakat zeigt, sagt es nicht. Kein Name, jeder kennt schließlich Runde, oder? Runde und Menschen? Fehlanzeige. Irgendwie wirkt diese Kampagne der Hamburger SPD außerirdisch, wie von einem anderen politischen Stern. Das wäre im Prinzip nur von lokaler Bedeutung, handelte es sich bei den Werbeprofis dahinter nicht um diejenigen, die übers Jahr auch den Schröder-Wahlkampf machen werden. Da wird manchen SPD-Leuten schon jetzt bange.

Ortwin Rundes Uneitelkeit ist allerdings die Voraussetzung für den Befreiungsschlag, der den Wahlsieg für ihn überhaupt wieder in Reichweite zurückgeholt hat: den Austausch des Innensenators im Mai dieses Jahres, knapp vor Torschluss sozusagen. Für den über Pech, Intrigen und eigene Fehler gestürzten Innensenator Hartmuth Wrocklage kam Olaf Scholz, 43, der Aufsteiger, Typ Wo steht das Klavier-Zupacker. Scholz stand bereits in Berlin auf Schröders Reserveliste, in Hamburg ist er seit Mai 2000 Landesvorsitzender und in gewisser Weise eine Kontrastfigur zu Runde: Schüchtern oder zurückhaltend ist er nicht. Ein Genosse sagt: Zur inneren Sicherheit hat er ein Rambo-Verhältnis. Er ist der Anti-Schill. Sogar die Hamburger Springer-Zeitungen, kompromisslos und konsequent beim Ignorieren Rundes, nehmen Scholz zur Kenntnis. Er bekommt die Aufmerksamkeit, die sonst Spitzenkandidaten vorbehalten ist. Er weiß es. "Es ist das Thema", sagt er. Und wenn die Stadt schon hysterisch ist, soll er kampflos aufgeben?

Nun, zum Finale, der ferne, nahe Terror. Mag sein, der 11. September ändert alles. Mag sein, alles bleibt gleich. Scholz konzentriert sich auf die Fahndung, ist allzeit präsent. Runde vertraut darauf, dass die Hamburger sich von den Geschichten ums Terror-Nest Hamburg nicht kirre machen lassen. Krista Sager hofft weiter auf die mobilisierende Wirkung Schills, dieses Populisten des Schreckens. Ole von Beust aber meint, die Wahlbeteiligung könne sinken: "Vor so viel Schrecken verliert eine Lokalwahl leicht an Bedeutung."

Gerade ihm, der ohnehin Stimmen an Schill verlieren wird, könnte das schaden. Denn eine hohe Wahlbeteiligung, sagen die Auguren, bedeutete eine hohe Beteiligung von Älteren und Alten. Die aber würden dieses Mal wohl "Innere Sicherheit" wählen. Also - direkt oder indirekt - ihn. Vielleicht haben sie's schon gemacht. Die Zahl der Briefwähler wird bei dieser Wahl mehr als doppelt so hoch sein wie vor vier Jahren.