Am Tatort

Die schlimmste Perspektive auf Ground Zero sieht man nicht im Fernsehen. Keine Kamera, die aus dem Hubschrauber herabfilmt. Was da in 300 Meter Entfernung sich auftürmt, ist - vom Boden der Realität aus betrachtet - einfach ein Gebirge. Massiv, schwarz, ungeheuer hoch. Der Regen hat aufgehört. Vom Hudson bläst Nordwestwind und jagt Rauchschwaden durch die Berge, über denen sich wieder die Staubwolke aufbaut. Dass im Inneren dieses Massivs noch Leben sein könnte, ist unvorstellbar.

Am Samstagmorgen haben die Behörden die Ostseite von Lower Manhattan freigegeben. In Chinatown sind die Kontrollen löchrig, weshalb man hinter die Polizeilinie schlüpfen und die direkte Konfrontation mit jener Wirklichkeit suchen kann, die New York und die Welt verändert hat. Die Stadt klammert sich an die Hoffnung, dass sich in den Trümmern des World Trade Centers noch Überlebende finden. Auf 5422 hat die Polizei nun die Vermissten beziffert, die der Toten auf 201. Doch im Untergrund der Twin Towers gibt es Betonstrukturen, Bienenstock genannt. Dort könnten in Lufttaschen Menschen überleben, vielleicht eine Woche oder gar länger. Aber wer auf dieses düstere Gebirge sieht, dem sinkt der Mut. Die kollabierenden Türme haben die Bausubstanz von mindestens sieben Stockwerken in den Kelleretagen komprimiert. Zwei große Düsenflugzeuge wurden in diesem Berg zum Nichts.

"He, Sie da!" Wenn der Armeeoffizier einen Reporter entdeckt, macht er dem Sinnieren ein Ende: "Tun Sie etwas für Ihre Gesundheit. Bewegung. Los, hopp, hopp, in diese Richtung!"

An den Straßenrändern stapeln sich Autowracks - zerquetscht, ausgebrannt, mit Betonbrocken gefüllt. Bulldozer mahlen Richtung Ground Zero. Feuerwehrmänner in schweren Schutzanzügen stiefeln heran, die Helme mit Stars and Stripes beflaggt. An der Kreuzung Greenwich/Harrison Street steht ein abgekämpfter Feuerwehrmann. Juan Ramos vom Newark Fire Department. Er ist eben zurück von Ground Zero. Wird die Arbeit dort jetzt leichter, seit der Regen aufgehört hat? Kopfschütteln: "Jetzt ist der Staub wieder da." Der ist durchsetzt mit Fiberglaspartikeln. Den Lungen kann er dank der Atemschutzgeräte nichts anhaben. Aber in die Stiefel dringt er ein und schmirgelt die Socken von den Füßen. Gibt es noch Hoffnung? Ramos schweigt. Schaut hinüber zum Berg. Dann sagt er: "Wir müssen hoffen. Das ist unsere Pflicht."

Die Arbeit geht zermürbend langsam voran. Das Chaos ist zwar beendet und das Gebiet jetzt in klare Abschnitte aufgeteilt, die vielen Freiwilligen sind durch Profis ersetzt. Es gibt in Manhattan kaum noch einen Bauarbeiter, kaum noch einen Schlosser oder Schweißer. Alle arbeiten am Berg. Es gibt in New York auch kein Hochhaus mehr, an dem noch gebaut wird. Die Löhne der Bauarbeiter werden in die Höhe schnellen. Die Arbeit am Schuttgebirge wird noch mindestens ein Jahr dauern.

Schicht für Schicht wird es abgetragen. Erst kommen die Suchhunde. Schlagen die nicht an, nehmen gewaltige Bagger die größten Brocken des zerfetzten Stahlbetongerippes weg. Oft müssen die Eisenträger zuvor mit Schneidbrennern zerlegt werden. Das erfordert waghalsige Kletterpartien. Auf Ground Zero sind die stärksten und zugleich präzisesten Abrissmaschinen der Welt im Einsatz - mit dem Caterpillar 345 Excavator sogar ein Prototyp, dessen gigantische Schere Stahl und Beton zermalmen und zugleich pinzettenartig kleinste Teile aufnehmen kann.

Nach den Baggern kommen die Eimerbrigaden. Hunderte von Helfern, die die Trümmer Stück für Stück abtragen. Mit Schaufeln, Hacken und Handschuhen. In langen Eimerketten reichen sie den Abraum durch, der mit Schiffen und Lkw in eine Landauffüllung auf Staten Island geschafft wird. Dann kommt der nächste Hundeeinsatz. "Die Hunde", sagt Ramos, "brauchst du eigentlich nicht mehr." Am Tag vier nach der Katastrophe wird der Verwesungsgeruch zum Problem. Unaufhörlich werden Leichensäcke in die Ambulanzwagen geschleppt. Manche sind so schwer, dass acht Mann sie tragen müssen. Die menschlichen Überreste sind von Stahlteilen oft nicht zu trennen. Manche Beutel sind klein wie Fußbälle.

Die Canal Street versuchte schon am Wochenende zum Alltag zurückzukehren. Sie hat es leichter als die Wall Street, die erst Montag an der Reihe ist. Die Fahrbahn gehört noch den Trucks, die in Ground Zero einrücken. Zu den Schuttwagen haben sich die blauen Lkw von Consolidated Edison gesellt. Sie schaffen großkalibrige Kabelrollen heran. Die Elektrizitätsgesellschaft legt unter Hochdruck ein provisorisches Stromnetz von 30 Kilometer Länge, damit die Börsencomputer wieder laufen können.

Die Stadt

Dann kehrt das Leben in die Wall Street zurück. Die mächtigen Türme und Glasfassaden reflektieren weithin das frühe Sonnenlicht, die gedemütigte Stadt hat sich herausgeputzt. Hektisch sind am Wochenende Arbeitstrupps durch die Straßen der City geschwärmt, haben Computer und Generatoren herbeigeschafft, den Müll herausgeschleppt und die Straßen mit Wasserwerfern abgespritzt. "Back to business" hat der New Yorker Bürgermeister Giuliani als Parole ausgegeben: zurück an den Schreibtisch. Früh schwillt der Passantenstrom an und taucht in die Straßenschluchten Manhattans ein.

Es ist immer ein bisschen dunkel zwischen den Wolkenkratzern der südlichen Stadtspitze, aber heute ist es düster. Rauch hängt hartnäckig in der Luft, auf den Fassaden und auf den paar geparkten Autos liegen fingerdicke Kalkstaubschichten. So kommt es, dass mancher Banker, Broker und Geschäftsmann beim Anmarsch auf dem großen sonnigen Vorplatz der City Hall noch lächelt und der wartenden Presse Kommentare zuruft ("God bless America!"). Doch hundert Schritte weiter gefrieren die Mienen. Eine Frau kommt entgegen, gestützt auf einen Kollegen. Solange sie dem Strom der Büroarbeiter ins Gesicht blickt, hält sie den Kopf stolz nach oben; als die beiden um die Ecke in eine stille Seitenstraße einbiegen, bricht sie zusammen.