Der schönste szenische Einfall, ja leider der einzige, in Theresia Walsers neuem Stück, Die Heldin von Potsdam: Von der ersten bis zur sechzehnten Szene wird, zweieinhalb Stunden lang, ein großes Geburtstagsgeschenk über die Bühne geschleppt und - nie geöffnet. Was mag da drinnen sein?

So ist es mit der 1967 geborenen Schauspielerin und begabten Autorin, der zur Dramatikerin fast alles fehlt: Ihr neues Stück ist eine Pralinenschachtel - die nie aufgeklappt wird. Zwar fallen gelegentlich ein paar herrlich eingepackte Bonmotsheraus, doch in welchem Zusammenhang, zur Charakterisierung welcher Person, in der Verbindung zu welcher anderen Figur, wird nie klar.

Hier zählt, jenseits aller Erzähl-Erklärung oder dramaturgischen Disziplin, die Freude an der Erfindung immer neuer Wort-Fesseln, mit denen die Wirklichkeit dingfest gemacht werden kann. Als ob Theresia Walser den Beweis führen wollte, dass schöne Wortwahl, überraschende Bilder, Kunst des Ausdrucks, ein Schauspiel (zu der Hausnummer "Drama" wagt sich niemand vorzutasten), ein Bühnen-Spiel ersticken könne, stürzt sich eine sprachmächtige Frau in ihr Auftragswerk.

Niemand beschützt sie. Weder die Dramaturgin (Annette Reber), die hier mit Erfolg hätte tätig werden müssen, noch der Regisseur, Volker Hesse, der mit diesem genialisch verkorksten Stück seine Intendanz am Maxim Gorki Theater, dem kleinsten Staatstheater Berlins, beginnt - und eine Dichterin schlachtet, noch Kazuko Watanabe, deren märchenbunte Papp-Vorhänge das Stück in ein Nirgendwo der Ungefährlichkeit abschieben.

Gut gesehen, noch besser in Worte gebracht: Ein Mann, der die Frau, wenigstens als Zuhörerin, haben will, die aber bei seinem Salbadern einschläft, mag ihr den Vorwurf nicht ersparen: "Dann fällt, rums, Ihr Kopf nach hinten, als würden Sie mit Ihren Augen gurgeln." Und gleich setzt die Autorin noch eins drauf: "Dann kippen Sie gänzlich zur Seite und halten sich so in der Turm-von- Pisa-Stellung." Das mag ein Leser noch verkraften. Er kann innehalten, zurückblicken, die Häufung von Bildern für sich aufschlüsseln. Auf der Bühne gehen so ziselierte Metaphern verloren. Die Sprach-Perlen zerstören vollends den (un)dramatischen Entwicklungsgang. Also gehen derart ausgefeilte Sätze, kluge oder witzige Definitionen, unter.

Aber die Autorin ist weniger interessiert an den Gestalten als am Sternenglanz ihrer Wortwahl. "Auf dich wartet zu Hause wohl nichts als das Licht im Kühlschrank. - So bringen wir die Welt mit einem Kuss in Ordnung. - Jeder Mensch ist der unglücklichste Mensch auf der Welt. - Je mehr man sich Gedanken macht, warum man immer nur Geliebte ist, desto perfekter wird man als Geliebte."

Wie in der Augsburger Puppenkiste hantiert Theresia Walser mit Marionetten. Vierzehn Personen verlangt sie, kühn, für ihr Stück. Vierzehnmal beginnt keine ihrer Personen auch nur zu atmen. Monolog, auf viele Stimmen verteilt.