Beim Comeback der Wall Street war Nationalgefühl gefragt. Börsenchef Richard Grasso sprach vom "großartigsten Markt der Erde", die Händler sangen "God bless America", und sogar die großen Säulen im Eingang der New York Stock Exchange waren in Stars and Stripes gehüllt. Doch die erhoffte Rallye der Patrioten, die Trotzreaktion der Börsianer, blieb aus. Die Kurse fielen; am Ende des ersten Handelstages nach dem Terroranschlag schloss der Dow Jones um mehr als sieben Prozent niedriger. Vom Ausverkauf ausgenommen blieben vor allem die Rüstungskonzerne - und gegen die Rezession unempfindliche Firmen wie Johnson & Johnson. Seife kaufen die Leute immer.

Den Absturz hatten längst nicht alle in Amerika erwartet - obwohl zuvor schon in Asien und Europa die Kurse ins Rutschen geraten waren. Mancher US-Analyst stellte sich ernsthaft auf "patriotische Zurückhaltung" ein statt auf einen Ausverkauf. Warren Buffett, der Guru vieler Anleger, erklärte via Fernsehen, "gar nichts" zu verkaufen und lieber billig einzusteigen. Und eine halbe Stunde vor Börsenöffnung senkte Notenbankchef Alan Greenspan als Mutmacher noch überraschend die Zinsen. Genützt hat es nichts. Rutscht die US-Volkswirtschaft, schon vor der Katastrophe angeschlagen, jetzt erst richtig in die Krise? Und zieht sie Europa gleich mit?

Mit Krisen kennen Börsianer sich aus. Das Strickmuster ist ja auch immer gleich: Erst rutschen die Kurse kräftig - die Börse übertreibt -; dann wird innegehalten und überlegt, was langfristig für steigende oder fallende Kurse spricht.

Meist setzten sich in der Vergangenheit die Optimisten durch. Zum Beispiel beim Konflikt um Kuwait im August 1990. Nach einem Jahr stand der Dow Jones um fünf Prozent höher. Oder beim Ausbruch des Vietnamkriegs im August 1964. Nach sechs Monaten war der Dow Jones um fast acht Prozent geklettert. Alles halb so schlimm, sagen die Optimisten daher auch jetzt wieder. Nur: Diesmal könnten sie falsch liegen.

Schon vor dem Anschlag auf das World Trade Center stand die Wirtschaft der USA auf der Kippe zur Rezession. Ihr letzter Halt war die Kauflust der Bevölkerung. Zuerst gaukelten die vermeintlichen Börsengewinne den US-Bürgern neuen Reichtum vor. Dann, als die Börsen im vergangenen Jahr stürzten, gaben die steigenden Immobilienpreise zumindest den Haus- und Wohnungsbesitzern - also über 60 Prozent der Amerikaner - das Gefühl, ruhig ein bisschen mehr Geld ausgeben zu können. Aber der Immobilienmarkt ist kaum weniger labil als die Börse. In den vergangenen Monaten ging auch hier die Nachfrage bereits zurück.

Nur schlechte Zahlen

Die Bevölkerung ist sowieso schon verunsichert. Weil die Arbeitslosigkeit kräftig steigt - zuletzt kletterte die Rate auf 4,9 Prozent - bangen die Angestellten um ihren Job oder fürchten, ihnen werde das Gehalt gekürzt. Nach einer Studie der amerikanischen Zentralbank zahlen inzwischen 88 Prozent der US-Unternehmen gewinnabhängige Gehälter. Schrumpfen die Profite der Firmen, gehen also auch die Löhne zurück. Dann könnte den Amerikanern schlagartig klar werden, dass ihr Kaufrausch in den vergangenen Monaten ähnlich unvernünftig war wie der Rausch an der Börse. Zudem wird die Arbeitslosenrate wohl weiter steigen: 5,7 Prozent erwarten zum Beispiel die Ökonomen der Investmentbank JP Morgan für das kommende Jahr.