Es war ein strahlend schöner Sommertag, jener 28. Juni 1914, seidenblau der Himmel, weich und doch nicht schwül die Luft. Im Kurpark zu Baden bei Wien saß der Schriftsteller Stefan Zweig auf einer Bank, las in einem Buch und lauschte den Klängen der Kurkapelle. Plötzlich, mitten im Takt, brach die Musik ab. "Instinktiv sah ich vom Buche auf", erinnerte sich Zweig in seiner im Exil geschriebenen Autobiografie Die Welt von Gestern. "Auch die Menge, die als eine einzige flutende helle Masse zwischen den Bäumen promenierte, schien sich zu verändern; auch sie stockte plötzlich in ihrem Auf und Ab. Es mußte sich etwas ereignet haben."

So wie in Baden war es überall in der Habsburgermonarchie und in dem mit ihr verbündeten Deutschen Reich, als die Nachricht von der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgerpaares in Sarajewo bekannt wurde. Es schien, als würde alles Leben für einen Moment erstarren. Das Entsetzen über die Mordtat verband sich mit der dunklen Ahnung, an der Schwelle einer Zeitenwende zu stehen, die das Ende aller Sicherheiten bedeuten würde.

Nichts wird mehr sein wie zuvor: Das war auch die Empfindung, als am Dienstag vergangener Woche die ersten Meldungen über die Terrorangriffe auf das World Trade Center und das Pentagon verbreitet wurden und man die Bilder des Infernos auf allen Fernsehkanälen verfolgen konnte. Wieder erstarrte die Welt wie unter Schock, und wieder war da das instinktive Gefühl, dass sich eine Katastrophe ereignet hatte, deren Folgen noch gar nicht abzuschätzen sind.

Vor 1914 waren es die expressionistischen Schriftsteller und Künstler gewesen, die mit ihren apokalyptischen Visionen die kommenden Erschütterungen ankündigten - Georg Heym etwa mit seinem Gedicht Der Krieg: "Aufgestanden ist er, welcher lange schlief, / aufgestanden unten aus Gewölben tief. / In der Dämmrung steht er, groß und unbekannt, / und den Mond zerdrückt er in der schwarzen Hand." Eine merkwürdige Mischung aus Angst und Erwartung, aus Überdruss an bürgerlicher Saturiertheit und Sehnsucht nach Gemeinschaft bestimmte damals die Haltung vieler Intellektueller. Anfang August 1914 löste sich diese Spannung auf in der begeisterten Zustimmung zum Krieg.

Müssen wir nun, nachdem die Nato zum ersten Mal in ihrer Geschichte den Bündnisfall festgestellt hat, Hans Magnus Enzensbergers düstere Prophezeiungen über die Rückkehr des Bürgerkriegs in die Metropolen aus dem Jahre 1993 mit neuen Augen lesen - als Vorahnung dessen, was uns vielleicht demnächst erwartet? Noch halten sich die meisten deutschen Schriftsteller mit Stellungnahmen auffallend zurück. Anders als 1914 handelt es sich diesmal auch nicht um einen Krieg zwischen Staaten und Bündnissystemen, sondern um den Kampf gegen einen Feind, den "internationalen Terrorismus", der ebenso unsichtbar wie global agiert. Die Befürchtung freilich, dass dieser Kampf unabsehbar eskalieren könnte, ist nicht von der Hand zu weisen.

Auch im August 1914 hatte noch niemand eine genaue Vorstellung davon, was kommen würde. Militärs und Politiker rechneten mit einem kurzen Krieg (wenngleich manchem schwante, dass diesmal ein langer Feldzug bevorstand). Die Freiwilligen, die blumenumkränzt ins Feld zogen, waren sich sicher, "Weihnachten wieder daheim" zu sein. Auf den vierjährigen furchtbaren Schützengrabenkrieg, in dem Schlachtfelder sich zu Menschenschlachthäusern verwandelten, war kaum einer vorbereitet.

Historische Zäsuren sind für die Zeitgenossen als solche nur schwer erkennbar. Ihre ganze Tragweite erschließt sich erst dem Rückblick aus großer Distanz. Dass der Erste Weltkrieg die Mutterkatastrophe des 20. Jahrhunderts war, dass er alle weiteren Katastrophen, Nationalsozialismus, Stalinismus und Zweiten Weltkrieg (den Holocaust und den Archipel Gulag inbegriffen) gezeugt hat - dies ist eigentlich erst in jüngster Zeit voll ins Bewusstsein getreten. Eric J. Hobsbawm hat deshalb auch seine Geschichte des "langen" 19. Jahrhunderts mit dem Epochenjahr 1914 beschlossen; mit ihm endete das bürgerliche Zeitalter, die glanzvolle Belle Époque, hinter deren Fassaden sich das Unheil zusammengebraut hatte.