Noch ist die Zitterpartie nicht vorüber; vor wenigen Wochen kündigte der IWF eine erneute Finanzspritze für Argentinien in Höhe von acht Milliarden Dollar an, um das Land vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren und zu verhindern, dass die Krise auf andere la teinamerikanische Länder übergreift. Ob die Rettungsaktion die Region vor dem Schlimmsten bewahren und einen dauerhaften Ausweg aus der überwiegend selbst verschuldeten Krise öffnen wird, ist noch offen, und die Skeptiker könnten leider auch dieses Mal wieder Recht bekommen.

Dabei hatte Anfang der neunziger Jahre alles so gut begonnen. Nach einem in vieler Hinsicht "verlorenen Jahrzehnt" wagten fast alle Länder des lateinamerikanischen Halbkontinents den politischen und wirtschaftlichen Neuanfang. In vielen Ländern kehrte nach Jahrzehnten der Diktatur die Demokratie zurück. Den Herausforderungen der Globalisierung und des internationalen Wettbewerbs begegneten die Regierungen mit Reformen. Die Binnenmärkte wurden dereguliert, Staatsunternehmen privatisiert, das Wohnungs- und Finanzwesen liberalisiert und die Haushaltsdefizite verringert. Die Erfolge blieben nicht aus. Unbeschadet der Finanzkrisen in Mexiko und Asien, verzeichneten die Volkswirtschaften der Region bis 1998 ein durchschnittliches Wachstum von fünf Prozent und mehr, der Außenhandel wuchs sogar mit zweistelligen Raten. Auch wurden in Abkehr von der traditionellen Exportstruktur zunehmend verarbeitete Erzeugnisse und nicht nur Rohstoffe exportiert. Die ausländischen Direktinvestitionen stiegen auf 50 bis 60 Milliarden Dollar jährlich.

Auch die in der Vergangenheit eher halbherzig betriebene regionale Integration wurde wiederbelebt. Während Mexiko mit der Freihandelszone Nafta seine Einbindung in den nordamerikanischen Wirtschaftsraum vollzog, gründeten Argentinien und Brasilien zusammen mit Paraguay und Uruguay den Mercosur. Innerhalb weniger Jahre vervielfachte sich der Handel zwischen den Mitgliedern. Brasilien wurde zum wichtigsten Wirtschaftspartner Argentiniens.

Als größter Erfolg der neuen Wirtschaftspolitik wurde von den Lateinamerikanern jedoch der Abbau der Inflation wahrgenommen. In den Jahren davor hatte es Preissteigerungen von tausend Prozent und mehr gegeben. Doch die Grundprobleme der lateinamerikanischen Wirtschaft bleiben nach wie vor: Noch immer steht der Konsum und nicht die Produktion von Gütern und Leistungen im Vordergrund. Zwar hat sich der Staat aus vielen Wirtschaftsbereichen zurückgezogen; geblieben aber ist ein aufgeblähter Apparat. Zusammen mit den niedrigen Steuereinnahmen infolge einer verfehlten Fiskalpolitik ist dies die Hauptursache für die enormen Haushaltsdefizite und die Verschuldung der meisten Staaten. Mit rund 760 Milliarden Dollar entspricht die Bruttoauslandsverschuldung etwa 40 Prozent des gesamten BIP der Region, allein der jährliche Schuldendienst von rund 145 Milliarden Dollar macht mehr als ein Drittel aller Exporte aus. Investitionen in produktive Sektoren der Infrastruktur und in die Ausbildung von Arbeitskräften werden sträflich vernachlässigt. Das Investitionsverhalten der einheimischen Unternehmer orientierte sich vorwiegend an kurzfristigen Zielen und raschen Erträgen.

Kein Geld für arme Bauern

Schon seit längerem unterscheiden sich die Länder Lateinamerikas von anderen, beispielsweise asiatischen Entwicklungs- und Schwellenländern durch eine extrem ungleiche Einkommensverteilung. Durch den Aufschwung der neunziger Jahre hat sich die Kluft noch verstärkt: Die Reichen wurden noch reicher, und am unteren Ende der Skala nahm die Zahl der Armen absolut und relativ weiter zu. Daran haben auch die teils neu eingeführten Systeme der Sozialversicherung nichts geändert. Die arme ländliche Bevölkerung wird nämlich davon in der Regel überhaupt nicht erfasst.

Seitdem der wichtigste Handelspartner Lateinamerikas, die Vereinigten Staaten, in Bedrängnis geraten ist, verschärft sich die Lage. Obwohl die Binnenmärkte Lateinamerikas ein größeres Gewicht haben als früher, sind die Folgen noch nicht abzusehen, denn über die Hälfte aller Exporte geht nach wie vor in die USA. Nachdem im Jahr 2000 noch einmal ein durchschnittliches Wachstum von mehr als vier Prozent erreicht wurde, rechnet die Dresdner Bank Lateinamerika in Hamburg für das laufende Jahr nur noch mit 1,2 Prozent. Das ist weniger als die durchschnittliche Bevölkerungszunahme von 1,8 Prozent, sodass das rechnerische Pro-Kopf-Einkommen erneut sinken wird.