Jugendliche Radiomoderatoren verwechselten Berichterstattung mit Horrorhörspiel. "Es ist heiß, es qualmt, überall Blut", fantasierte einer aus seinem Berliner Studiosessel heraus. Oder Viva-Chef Dieter Gorny, der aus lauter Pietät auf seinem Musiksender nur noch Schwarzbild laufen ließ, aber leider die Wirkung kaputtmachte, indem er sich lautstark empörte, als der Konkurrent MTV dem Beispiel nicht folgte. Am hemmungslosesten drückte wie immer Franz Josef Wagner in der Bild- Zeitung auf die Tränendrüse, als er uns mit Schmachtpost ans Patenkind behelligte: "Du musst hinschauen, Liebling."

Die Berliner Boulevardzeitung BZ fleht auf der Titelseite: "Mr. President, retten Sie die Welt". Wenn das Thema nicht so schrecklich wäre, könnte man sich aufregen über so viel Hardcore-Pathos. Manche regen sich über das Gegenteil auf, wie Henryk M. Broder, der dieser Tage über einen taz- Kollegen herfiel und ihn für seine kruden Thesen als "Linksfaschisten" und potenziellen "KZ-Wärter" beschimpfte.

Aber leben wir nicht in einer Mediengesellschaft? Da wollen sogar Shoppingkanäle und Video-Jockeys ihre Trauer ausdrücken dürfen. Schon kursieren die ersten makaberen Witze, und die derzeit beliebteste Ketten-Mail ist eine Prophezeiung von Nostradamus: "In der Gottes-Stadt werden Silber-Phönixe die Zwillingsbrüder niederreißen. ... Wenn die große Stadt brennt, wird der 3. Weltkrieg beginnen", orakelte der Mann angeblich schon vor 500 Jahren und jagt damit jetzt Millionen von Usern wohlige Angstschauer über den Rücken. Als diese Sätze heute das dritte Mal in meiner Mailbox eintrafen, wurde mir klar, dass jetzt der Moment gekommen ist, das Internet zu verlassen und die Glotze auszuschalten. Ich werde eine mediale Schweigeminute einlegen und es nicht anderen überlassen, meinen Schrecken in Worte zu fassen.