London

An der Moschee von Finsbury Park im Norden Londons prangt seit einigen Tagen in grellen Lettern: "New York Taliban Triumph" und: "God Bless the Dead Dollar". In der Moschee predigt Scheich Abu Hamza al-Masri den "Heiligen Krieg". Der bullige Koranlehrer, dessen Armstümpfe in zwei Eisenhaken enden, preist die Kamikazebomber als Märtyrer. In Afghanistan hat er bei der Explosion einer Landmine, angeblich einer russischen, beide Hände und ein Auge verloren. Das erzählt er bereitwillig. Verschwiegen bleibt er, wenn es um Finanzen und Kontakte geht.

Britische Behörden sind überzeugt, dass auch seine Organisation, die Supporters of Sharia, von Osama bin Laden finanziert wird. Bewiesen ist das nicht. Aber der Scheich verhehlt nicht, was ihm die wichtigste Mission ist. In seinen Predigten und im Internet versucht er unaufhörlich, junge Briten muslimischer Herkunft zu rekrutieren. Einer seiner Gefolgsleute erklärt ungeniert, warum die "Freiwilligen" in Trainingslager in Pakistan, Jemen oder Afghanistan geschickt werden: "Für uns ist das wie ein nationaler Wehrdienst. Es ist die Pflicht eines jeden jungen Muslims mitzumachen. Ihnen selbst bleibt es dann überlassen, ob sie im Dschihad kämpfen wollen."

Zahllose junge muslimische Briten brachen nach intensivem Waffentraining an die Fronten islamischer Kriege auf, nach Tschetschenien, Kaschmir und Palästina. Im vergangenen Jahr wurden sechs Schüler des Scheichs in Jemen eines Bombenkomplotts gegen die Regierung überführt und zu langen Haftstrafen verurteilt. Trotzdem sind die Supporters of Sharia bisher nicht als terroristische Vereinigung verboten worden.

Playboys und Terroristen

In London wimmelt es nur so von islamischen Informationszentren, Organisationen, Parteien, Exilgruppen und Dissidenten. Die britische Hauptstadt gilt seit langem als die islamische Metropole außerhalb der arabischen Welt. Das Empire und historisch gewachsene Bindungen spielen dabei ebenso eine Rolle wie Londons Stellung als Finanz-, Kommunikations- und Verkehrszentrum. Die Neunmillionenstadt wirkt wie ein Magnet. Sie zieht milliardenschwere Ölscheichs und arme Schlucker aus Bangladesch an, Playboy-Prinzen und pakistanische Händler, Investoren aus den Emiraten, aber auch Zehntausende illegaler Einwanderer, die nach der Ablehnung ihrer Asylanträge in den muslimischen Bezirken im Eastend und Südlondon untertauchen. Die einen wollen Geld verdienen oder sich dem Luxuskonsum hingeben, die anderen wollen arbeiten, eine neue Existenz aufbauen.

Seit geraumer Zeit steht die britische Hauptstadt aber auch im Ruf, der Ort zu sein, an dem die Fäden islamisch-fundamentalistischen Terrors zusammenlaufen. Großbritanniens liberale Tradition und ausgeprägte Toleranz begünstigt friedliche Dissidenten genauso wie gewaltbereite Umstürzler und Dschihad. Ihnen kommt die Freizügigkeit zupass, auf die das Inselvolk zu Recht stolz ist. Großbritannien kennt weder Ausweis- noch Anmeldepflicht. Innenminister David Blunkett erwägt nun die Einführung von Identitätskarten, ein Vorhaben, das dereinst nicht einmal die Eiserne Lady durchsetzen konnte. Bis heute garantiert britisches Gesetz das Recht, selbst abstoßende Auffassungen frei und ungehindert äußern zu dürfen. Weder steht die Leugnung des Holocaust unter Strafandrohung, noch haben jene muslimischen Bürger des Landes etwas zu befürchten, die nach den Terrorattacken auf New York und Washington Freudengesänge anstimmten und lauthals feierten.