Angesichts der entsetzlichen Originalität der Selbstmordattacken auf New York und Washington in der letzten Woche kann uns die Vergangenheit vielleicht weniger lehren, als wir es uns wünschen würden. Wenn es einen lehrreichen Präzedenzfall in der amerikanischen Geschichte geben sollte, dann ist es nicht der 7. Dezember 1941 - der Überfall auf Pearl Harbor -, sondern der 23. September 1949. An diesem Tag verkündete Präsident Truman einer sprachlosen amerikanischen Öffentlichkeit, dass die Sowjetunion drei Wochen zuvor eine Atombombe erfolgreich getestet habe.

Schockwellen der Angst und Verunsicherung verbreiteten sich in den Vereinigten Staaten. Trumans nationaler Sicherheitsrat reagierte schnell mit "NSC-68", einem umfassenden Freibrief zur Errichtung dessen, was Präsident Eisenhower später als den "militärisch-industriellen Komplex" bezeichnen würde. Gleichzeitig nutzten Senator Joseph McCarthy und FBI-Direktor J. Edgar Hoover die Angst in der Bevölkerung aus, um eine gnadenlose Hetzjagd auf den "Feind im Inneren" zu eröffnen. Die einst einflussreiche amerikanische Linke wurde unnachsichtig ausgelöscht. Was die meisten Amerikaner auf den autoritären nationalen Konsens der fünfziger Jahre einschwor, war weniger die Ideologie als die Angst.

Sind wir mit George W. Bush auf dem Weg zurück in die Zukunft? Wird der Krieg gegen den Terrorismus das Ende bedeuten für die Offenheit gegenüber Einwanderung, für die Freiheit im Internet, für Proteste gegen einen globalen Kapitalismus, das Recht auf Privatsphäre und alle wesentlichen bürgerlichen Freiheiten, die der Zermürbung im War on Drugs noch standgehalten haben?

Francis Fukuyama, Guru des Endes der Geschichte, versicherte soeben den Lesern der Financial Times, dass die Vereinigten Staaten mittlerweile unumkehrbar kosmopolitisch geworden seien; sie könnten gar nicht mehr zurückfallen in die Schuldzuweisung an ethnische Sündenböcke oder in die ideologischen Hexenjagden früherer Zeiten. Er prophezeit sogar, "die amerikanische Gesellschaft könnte aus der Tragödie im eigenen Land gestärkt und geeint und international mit konstruktiverem Engagement hervorgehen".

Fukuyamas Optimismus baut auf die mutigen Szenen im Schutt des World Trade Centers. Zweifellos haben gewöhnliche New Yorker bemerkenswerten zivilen Heroismus und gemeinschaftliche Toleranz bewiesen. Aber es ist ein gewagter gedanklicher Sprung von den multiethnischen Vierteln in Manhattan oder Brooklyn zu den eingezäunten Vororten und Randbezirken des Südens und Westens. Die Menschen dort haben bereits mit ihren Füßen gegen die kulturelle Vielfalt der Großstädte abgestimmt. Und sie neigen eher dazu, die Krise mithilfe der Offenbarung des Johannes als mit der Kommentarseite der New York Times zu interpretieren.

Treueeid für Staatsbürger?

Nichts ließ sich leichter vorhersagen, als dass die beiden turbanlosen Ayatollahs des heimischen Fundamentalismus, Reverend Jerry Falwell und Reverend Pat Robertson, die Schuld an Gottes Zorn ohne Umschweife den "Heiden, Abtreibungsbefürwortern, Feministinnen, Schwulen und Lesben" zuschreiben würden, die das biblische Amerika in ein Sodom und Gomorrha verwandelt haben. "So schrecklich das war, was wir am Dienstag sahen", warnte Falwell in einer Fatwa aus Oklahoma, "es könnte noch das kleinste Übel sein, wenn Gott tatsächlich den Vorhang weiter aufmacht und den Feinden Amerikas gestattet, das an uns auszuteilen, was wir wahrscheinlich verdienen."