Noch nie war die symbolische Kraft eines Moments so wuchtig und vermutlich konsequenzenreich wie in den Live-Bildern der Terrorattacken auf New York. Das Fernsehen benötigte gerade einmal zwei Stunden, um die Bedeutung des World Trade Centers (WTC) und des Pentagons zu entleeren - und damit zwei in Stahl, Stein und Glas gebaute Zeichen der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Macht. Wer heute die Flagge der USA betrachtet, kann die Kraft, das Selbstbewusstsein und die Hoffnung dieser Nation und ihrer Idee spüren. Doch die Attribute werden seit zehn Tagen überdeckt von Verzweiflung, Angst und Trauer. Eine solch radikale und rapide Umdeutung symbolischer Werte ist einmalig in der Geschichte.

Hätte ich nach meinem eigenen Besuch in New York, der just am 9. September endete, meine Bilder und Eindrücke eingefroren und wäre ich nicht auf die britische, sondern auf eine einsame Insel gereist, ohne Fernsehen, ohne Telefon, dann wäre meine Welt heute noch in Ordnung. Dann würde ich so an Manhattan denken, wie ich die Zwillingstürme des WTC zuletzt erlebt hatte: groß, stark und unverwüstlich. Doch ich saß in meinem Wohnzimmer in Cambridge, und wie Millionen von Menschen rund um die Welt erlebte ich ein ungeheures Medienereignis vom Sofa aus. Natürlich hoffte ich für einen Moment, dass diese Fernsehwirklichkeit, die ich empfing, genau das wäre, was Kritiker den Massenmedien als "Konstruktion der Wirklichkeit" vorhalten, also ein fake:ein Scherz, ein Hollywood-Film oder ein "Medienexperiment" wie Orwells Radiostunde vom Krieg der Welten. Doch allzu schnell wurde mir klar, dass dies die bloße Realität in der Stadt war, in der ich selbst drei Tage zuvor gewesen war. Amerikas Symbole standen tatsächlich in Flammen. Und ich hatte angenommen, sie wären so unverwundbar wie der American dream.

Während das Rohmaterial der Fernsehstationen und die Amateurvideos vor meinen Augen vorbeizogen, war ich wie gelähmt. Es gelang mir nicht, die richtigen Fragen zu stellen. Ich bezweifle, dass es mittlerweile möglich ist. Es ist erstaunlich, wie mich die Bilder fesselten, obwohl sie sich ständig wiederholten. Wie sie viele Menschen zu Tränen rührten, selbst wenn sie keinen Bezug zu den Ereignissen haben, weder Verwandte noch Bekannte an den Tatorten. Als Teil des Millionenpublikums war ich in sicherer Entfernung - und trotzdem ergriffen von Unsicherheit und Angst. Die Endlosschleifen - die loops - und die Amateurvideos, denen wir alle ausgesetzt waren, waren sehr effektvoll. Ob die Fernsehstationen sie aus Mangel an eigenen Bildern, also aus reiner Verlegenheit einsetzten? Die wackeligen und unscharfen Bilder der Laien sprechen jedenfalls eine spontane und unmittelbare Sprache. Wir sahen eine Überdosis von Eindrücken und Stimulationen, die erklärt werden muss - obwohl ich glaube, dass bisherige Theorien nur Ansätze liefern können.

Wie kein anderes Massenmedium generiert und transportiert das Fernsehen die Symbole unserer Gesellschaft. Wenn auch höchst unvollständig, so erklärt es durch unendliche Referenzen unsere Kultur, indem es uns ermöglicht, zur selben Zeit an unterschiedlichen Orten dieselben Zeichen hunderttausend- und millionenfach zu erkennen, einzuordnen - und zu verstehen. Durch den immer wiederkehrenden Einsatz von Bildern und Metaphern, durch sprachliche Wiederholungen und inhaltliche Rituale bestätigt es das Gewesene und konstruiert auf dieser Grundlage Neues. Diese Reproduktion ist oft beschrieben worden, und wir haben nie verstanden, wie die Massenmedien anders funktionieren könnten. Der Terroranschlag von New York könnte jedoch einen anderen Verlauf, einen Bruch in dieser Kette repräsentieren. Er hat einen wichtigen Bestandteil unseres bisherigen symbolischen Kanons radikal verändert - gegen unsere Sehgewohnheiten, gegen unsere Politikvorstellungen, gegen unsere Zeichensprachen, gegen die Symbole unserer Welt.

Mehr als jedes andere Medienereignis hat uns der 11. September die Macht des Fernsehens demonstriert. Wie nie zuvor stiftete das Medium ein weltumspannendes, kollektives Erlebnis von Trauer und Entsetzen. In ihm fanden sich Millionen Menschen wieder, die weit verstreut in unterschiedlichen sozialen und individuellen Kontexten leben, mit verschiedenen Weltsichten, und die vielleicht nur wenige Werte teilen. Was diese Menschen verband, war der Verlust an Vertrauen, der sich in den untergegangenen Symbolen manifestierte - und der die Risiken unserer Gesellschaft um ein Vielfaches größer wirken lässt.

Der Lauf der Ereignisse am 11. September war der gründlichste und perfekteste Gräuelakt, den die Mediengesellschaft erlebt - und mitgemacht - hat. Die kleine Terroristengruppe machte ihren Kampf gegen die Supermacht in äußerstem Maß sichtbar. Das ist ein großer Unterschied zu den versteckten Terrorakten der Vergangenheit, die das Auge der Fernsehanstalten und Hobbyfilmer verpasst hat. Der Akt des Sichtbarmachens verlangte in unserer gesättigten Welt der Massenmedien den Einsatz besonders grauenhafter und "medientauglicher" Mittel.

Nicht nur die Ziele waren äußerst starke Symbole. Auch den sichtbaren und unsichtbaren Waffen, die die Terroristen benutzten, wohnte eine hohe Symbolik inne. Sie kaperten die Flugzeuge - in fast spöttischer Manier - mit Rasierklingen und Plastikmessern. Indem sie Linienmaschinen zu Bomben umfunktionierten, lösten sie eine immense Angst in uns allen aus. Obwohl Fliegen schon immer mit einem gewissen Risiko behaftet war, schien es nie so gefährlich. Es handelte sich nicht um eine typische Entführung, sondern um eine symbolische, totale "Entmenschlichung" einer zentralen Symbolik des Fortschritts und moderner Mobilitätsideale - und dies wirkte weit über die Grenzen der USA hinaus.