Schneller als erwartet haben die Vereinigten Staaten den Heimatschutz - die Nationalgarde - aktiviert. Präsident Bush ließ Anfang der Woche bereits 35 000 Reservisten einziehen. Kampfflugzeuge kontrollieren den Luftraum über New York und Washington. In den wichtigsten Häfen patrouillieren Schiffe der Küstenwache, vor New York kreuzt der Flugzeugträger USS George Washington.

Das Pentagon weigert sich, nähere Angaben zur Zahl der mobilisierten Soldaten, Flugzeuge und Schiffe zu machen. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sagt auf entsprechende Fragen von Reportern unumwunden: "Das Letzte, was Sie von uns bekommen werden, sind Informationen über unsere militärischen Pläne." Doch auch er trug zu Spekulationen über einen möglichen Angriff amerikanischer Bodentruppen auf die Terroristen und deren mutmaßliche Hintermänner bei, als er verkündete: "Diesmal werden nicht nur ein paar Cruise Missiles über den Fernsehschirm fliegen, damit die ganze Welt sehen kann, dass irgendetwas explodiert." Die Washington Post berichtet, die 82. Luftlande-Division, die in Fort Bragg, North Carolina, stationiert ist, sei einsatzbereit.

Ein schneller Schlag gegen Afghanistan ist nach Ansicht der meisten Experten schon in den kommenden Tagen möglich, ein umfassender Einsatz jedoch steht nicht unmittelbar bevor - die Vorbereitung der riesigen Militärmaschinerie braucht viel Zeit.

Dies sind noch die Tage der Diplomatie. Wie vor dem Golfkrieg versucht Amerika eine möglichst breite Koalition zu schmieden; erst dann soll der Angriff erfolgen. In schneller Folge empfängt Präsident George W. Bush Europas Chefs. Unter dem Leitmotiv "totale Solidarität" reiste als Erster am Dienstag Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac an. Am selben Abend flog auch Joschka Fischer nach Washington. An diesem Donnerstag folgen Tony Blair und die EU-Troika, geführt vom belgischen Außenminister Louis Michel.

Aber Chirac saß noch nicht im Flugzeug, da verkündete Premierminister Lionel Jospin: kein Engagement an der Seite der Amerikaner ohne Parlamentsvotum. In Paris gehen Linke und Grüne inzwischen vorsichtig auf Distanz. Das Wort vom Kreuzzug hat sie aufgeschreckt, sie fürchten einen clash of civilizations - nicht zuletzt in den französischen Vorstädten mit den dort lebenden Muslimen. "Wir sind im Krieg", erklärte hingegen am Wochenbeginn Tony Blair. Doch selbst in Großbritannien, stets der verlässlichste Verbündete Washingtons, regen sich Zweifel. Dem Guardian zufolge wollen nur 49 Prozent der Befragten an der Seite des amerikanischen Freundes in einen "ausgedehnten Krieg" ziehen, auch wenn zwei Drittel eine militärische Strafaktion für richtig halten. Die könnten die Amerikaner, erklärte Nato-Generalsekretär Robertson, auch ohne Hilfe der Nato unternehmen: "Sie haben die Mittel dazu."

Die haben sie gewiss. Dennoch brauchen auch die Amerikaner Hilfe, etwa bei der Zusammenarbeit der Geheimdienste, bei Überflugrechten, bei der Nutzung von Stützpunkten. Und solche Hilfe könnte ihnen der russische Präsident geben.

Wladimir Putin telefonierte am Montag vom russischen Schwarzmeerkurort Sotschi stündlich mit den Führern der zentralasiatischen Staaten. Sein Verteidigungsminister Sergej Iwanow hatte zuvor eine Beteiligung von GUS-Staaten an bewaffneten Aktionen ausgeschlossen. Das Gas-Scheichtum Turkmenistan blieb bei dieser Linie.