Ich war noch nicht im kindergarden, in den späten fünfziger Jahren, als mich mein illegal eingereistes bayerisches Kindermädchen über die Amerikaner belehrte: "Sie sind alle wie Kinder", sagte sie. Ihr Ton klang höhnisch. Später kam es mir wie ein Kompliment vor. Kinder sind verspielt, neugierig, ungezogen, energisch, streitbar und voller Hoffnungen. Allerlei umständlicher formulierte Einsichten über die "kindlichen Amerikaner" habe ich später von Leuten gehört, die sich als unabhängige Denker verstanden und die natürlich dasselbe meinten wie mein Kindermädchen in Manhattan: "Unbedacht, verwöhnt, habgierig, einfältig." Letzte Woche glaubten sie sogar, dass es genau dieser nationale Charakterzug gewesen sei, der Amerikas Außenpolitik präge und den Zorn der Selbstmordpiloten aus der Dritten Welt provoziert habe.

Das alles ging mir in einem schreienden inneren Dialog durch den Kopf, als ich am vergangenen Dienstag zitternd vor Furcht in einem Autostau in Nordmanhattan steckte, nichts bewegte sich mehr, ewiger Verkehrsstillstand, während vor mir die babylonischen Doppeltürme in Feuer und Asche versanken: Irgendjemand wollte uns eine Lektion erteilen. Und natürlich fiel die Wahl auf New York.

Ich habe meine Heimatstadt nie gemocht. Während ich in Manhattan aufwuchs, kam mir New York wie eine außerordentlich schöne Frau vor, übermäßig geschminkt, in einer Wolke aus Parfüm. An ihr war nichts Sanftes, Natürliches oder gar Mädchenhaftes. Hin und wieder knallte ein missbilligender Fremder der Angeberin eine Ohrfeige. Sie nahm's hin und stöckelte weiter. In den fünfziger Jahren versteckte ein moralisch erregter Attentäter Rohrbomben unter U-Bahnsitzen und sprengte New Yorker in die Luft, die ganz zufällig den falschen Platz gewählt hatten. Wer die Subway nahm, spielte Russisches Roulette. Später verkündete Castros Bruder seinen Plan: Wenn ihm eine gute Fee drei Wünsche gestatten sollte, dann würde er erstens: eine Atombombe auf Manhattan werfen, zweitens: noch eine und drittens -: noch eine. Wir mussten damals im kindergarden Atomschutzübungen absolvieren; wenn um 12 Uhr die Sirenen heulten, dachte ich, jetzt fallen die Bomben, weil ich noch keine Uhr lesen konnte.

Lady Manhattan

Verletzlichkeit und Eitelkeit waren Charakterzüge New Yorks. Später wurden sich die Bürger selbst zum Feind. Die jährliche Mordrate stieg höher und höher. Im Mittelstand setzte sich eine maßlose Aufstiegssucht durch, in den Augen der Broker, Anwälte, der Journalisten und Immobilienhändler, der Künstler und Kritiker brannte ein Feuer aus Ehrgeiz und Selbstzufriedenheit. Weiter unten stapften die Ärmeren voran, als hätten auch sie eine Chance. Lady Manhattan schien von Krise zu Krise zu taumeln, und doch wurde sie immer schicker. Totaler Stromausfall, Wassermangel, und schließlich färbte sich an einem Karfreitag in den Sechzigern der Himmel über der Stadt in ein dunkles Braun, und die Leute riefen: "Gott bestraft Manhattan!" - ein Tornado. Als die Verbrechen kaum noch zu zählen waren, baute die City ihr World Trade Center, zwei stilettospitze Schuhstöckel - jetzt sah sie noch größer aus.

Der Horror dieser Tage ließ New York stolpern, aber nicht auf die Knie sinken. Im Gegenteil, er erhob das ganze Land. Als die Passagiere im gekaperten Flugzeug der United Airways, das in Newark gestartet war, über ihre Handys vom Schicksal des World Trade Centers gehört hatten, trafen sie eine Entscheidung im amerikanischen Stil: Während der Pilot über Pennsylvania Richtung Washington, D. C., wendete, stimmten sie darüber ab, ob sie lieber als Teile einer bemannten Bombe sterben oder ob sie das Cockpit stürmen und in einem normalen Crash zu Tode kommen wollten. Solche edlen Entscheidungen sind in Demokratien höchst ungewöhnlich.

Stunde des Bürgermeisters