Es gibt ihn tatsächlich - den richtigen Zeitpunkt. Mindestens zwei Mal hatten polnische Wissenschaftler und Journalisten die gängige Auffassung über das polnisch-jüdische Verhältnis bereits hinterfragt. 1987 nahm der Krakauer Literaturwissenschaftler Jan Blonski Landsleute aufs Korn, die aufgrund ihrer Tatenlosigkeit eine "anteilige Verantwortung" an der Ermordung der Juden im brennenden Warschauer Ghetto getragen hätten. Mitte der neunziger Jahre fragte der Warschauer Journalist Michal Cichy nach der Mitschuld von Soldaten des polnischen Untergrunds am Holocaust, nachdem ihre Beteiligung an der Liquidierung jüdischer Mitbürger bekannt geworden war: Sie hatten sie erschossen, als sie während des Warschauer Aufstands aus ihrem Versteck aufgetaucht waren.

In beiden Fällen schlugen die Wellen der Erregung kurze Zeit sehr hoch. Danach pendelte sich aber das alte Selbstverständnis wieder ein: Keine andere Nation, so dachte der Durchschnittsbürger bis vor knapp zwei Jahren, habe den Juden so sehr geholfen wie die Polen. Einzelne Erpressungen, Denunziationen, Ermordungen seien allein das Werk von Schmalzowniks, randständigen, kriminellen Elementen, oder von unbedeutenden, rechtsextremen Randgruppen gewesen. Die moralische Integrität der Nation werde durch sie nicht infrage gestellt.

Nach dem Buch Nachbarn von Jan Tomasz Gross über die Ermordung der Juden des ostpolnischen Städtchens Jedwabne ist alles anders. Das Werk löste einen Schock aus und gab den Anstoß zu der tiefsten Geschichtsrevision in Polen seit Kriegsende. Vier Jahre brauchte selbst der Autor, der 1968 aufgrund einer antisemitischen Kampagne nach Amerika emigrierte und heute in New York lehrt, bevor er die Zeugenaussage von Szmuel Wasersztajn aus dem Jahre 1945 in ihrem vollen Ausmaß begriff: dass es sich nämlich bei dem Pogrom am 10. Juli 1941, als Ostpolen gerade aus sowjetischer in deutsche Besatzung übergegangen war, um einen "Massenmord im doppelten Sinn" gehandelt hat - "sowohl wegen der Zahl der Opfer als auch wegen der Zahl der Täter". Von sieben Überlebenden abgesehen, wurde die gesamte jüdische Bevölkerung der Kleinstadt erstochen, erschlagen und schließlich in einer Scheune verbrannt. Gross schätzte ihre Zahl aufgrund des Berichts von Szmuel Wasersztajn und der Zeugenaussagen im Prozess von 1949 auf 1600. Und die Täter waren danach nicht, wie auf dem inzwischen entfernten Gedenkstein behauptet, Deutsche, auch nicht kriminelle oder rechtsextreme polnische Randgruppen, sondern ganz "normale" Männer. Gross sieht rund 50 Prozent der erwachsenen männlichen Bevölkerung unmittelbar am Verbrechen beteiligt und den Rest der katholischen Einwohner zumindest als Zeugen des Mordes involviert. Die eine Hälfte der Bevölkerung, so die Kernthese seines Buches, habe die andere Hälfte ermordet. Polen seien mithin nicht nur Opfer, sondern auch Täter bei der Judenverfolgung gewesen.

Nachdem Gross nun die deutsche Ausgabe von Nachbarn nicht zum Anlass für Ergänzungen oder Korrekturen nahm, da es, wie er schrieb, nichts gebe, "was ich der ursprünglichen Aussage des Buches hinzufügen möchte", hat sich die bisher fast nur in Polen geführte Debatte um den sachlichen Gehalt des Buches auch auf Deutschland verlagert. Staatsanwaltschaftliche Ermittlungen des Instituts des Nationalen Gedächtnisses (IPN) und weitere Recherchen von Historikern und Journalisten haben nämlich seit dem Erscheinen der polnischen Originalfassung im Frühjahr 2000 zusätzliche Fakten zutage gefördert, die seinen Kritikern dazu dienen, ebendiese "ursprüngliche Aussage" des Buches zu relativieren oder möglichst zu Fall zu bringen.

Die Schuld anerkennen

So hat Thomas Urban unlängst in der Süddeutschen Zeitung die Kernthese von der Täterschaft der Polen in Jedwabne angezweifelt. Die Haupttäter, so Urban, seien vielmehr auch in diesem Fall Deutsche gewesen - konkret das SS-Einsatzkommando von Hermann Schaper, das im Sommer 1941 bei so genannten "Judenaktionen" im fraglichen Gebiet eingesetzt gewesen sei. Tatsächlich hat Edmund Dmitrow vom Institut des Nationalen Gedächtnisses in der Zentralstelle für die Verfolgung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg Dokumente gefunden, in denen zwei jüdische Zeugen Schaper in den Orten Tykocin und Radzilow gesehen haben wollen - sie haben ihn aufgrund von Fotos identifiziert. Radzilow liegt fünfzehn, Tykocin etwa vierzig Kilometer von Jedwabne entfernt. Mit großer Wahrscheinlichkeit - so der Analogieschluss - wird Schapers Einheit auch für Jedwabne zuständig und verantwortlich gewesen sein.

Doch was bedeutet diese Verantwortlichkeit konkret? In Tykocin hatten die Deutschen eindeutig die "bestimmende Rolle": Sie trieben die Juden Ende August 1941 zusammen, erschossen und verscharrten sie in drei Gräbern. Es handelte sich um eine klassische Exekution. Darüber gibt es übereinstimmende polnische und jüdische Zeugenaussagen. In Radzilow hingegen trieben die Polen die Juden Anfang Juli 1941 auf dem Marktplatz zusammen und verbrannten sie in einer Scheune. Es handelte sich eindeutig um ein Pogrom. Auch hier stimmen jüdische und polnische Zeugenaussagen überein, sodass Staatsanwalt Radoslaw Ignatiew vom Institut des Nationalen Gedächtnisses Ende August 2001 der Presse mitteilte, für die Beteiligung von Deutschen an dem Pogrom in Radzilow drei Tage vor den Ereignissen in Jedwabne gebe es keinerlei Bestätigung. Die allgemeine Verantwortlichkeit von Schaper in diesem Gebiet konnte also sowohl das eine wie das andere Szenario beinhalten. Wenn Urban diese Unterscheidung ignoriert und sie pauschal unter die "bestimmende Rolle" der Deutschen subsumiert, verkennt er völlig das Besondere der damaligen Situation.