Schaut Manuel Alves Monteiro auf die Kurve, die sein Leben bestimmt, gerät er in schlechte Stimmung. Monteiro ist Chef der Lissabonner Börse. Der dortige Aktienindex Psi20 hat seit Januar weit mehr als 30 Prozent verloren, und die Lage wird sich nicht so schnell ändern. Auch das Handelsvolumen geht seit Monaten dramatisch zurück. Linderung verschafft Monteiro nicht einmal ein Blick aus dem Fenster. Im Gegenteil: In unmittelbarer Nähe des zentral gelegenen Glaspalastes, in dem die Börse residiert, haben die Armen der Stadt ihre Wellblechbaracken aufgestellt. Und deren Zahl könnte in den nächsten Wochen und Monaten durchaus steigen.

"Schon lange waren die wirtschaftlichen Aussichten für unser Land nicht mehr so mies", klagt der Chef des portugiesischen Finanzdienstleisters Finanstar, António Neto da Silva. Für dieses und das kommende Jahr prognostiziert die portugiesische Zentralbank nur noch knapp zwei Prozent Wirtschaftswachstum, in 2000 wuchs Portugals Bruttoinlandsprodukt noch um über drei Prozent. Zudem steigt die Inflation seit 13 Monaten unaufhörlich und hat im August mit 4,2 Prozent den höchsten Stand seit 1995 erreicht.

Die aktuelle Wirtschaftsschwäche macht eine tiefe Strukturkrise sichtbar, die durch die bevorstehende EU-Osterweiterung noch verstärkt wird: Seit Jahren stützt die Europäische Union das kleine Land im Südwesten. Insgesamt rund 45 Milliarden Euro an Struktur- und Kohäsionshilfen hat Brüssel überwiesen, damit Portugals Regierung in die Zukunft investieren kann. Nach der EU-Erweiterung wird Portugal wohl auf einen Teil dieser Subventionen verzichten müssen. Und es sieht nicht danach aus, als ob es den Entzug aus eigener Kraft wettmachen könnte.

Ursache sei vor allem "eine fehlgeleitete Investitionspolitik", analysiert Ricardo Pinho, Volkswirt bei der Banco de Investimento Global in Lissabon. Anders als in Irland, wo ein Großteil der EU-Hilfen in Köpfe statt Beton investiert und das ehemals ärmste Land der Gemeinschaft so zu einem attraktiven High-Tech- und Finanzdienstleistungs-Standort wurde, ist Portugals Wirtschaft trotz modernster Autobahnnetze, der schicken Lissabonner Vasco-da-Gama-Brücke sowie neuer Flughäfen immer noch primär industriell und agrarisch ausgerichtet.

Allein in der Zeit von 1989 bis 1993 flossen 32 Prozent der EU-Mittel in Transport und Landwirtschaft, in die Bildung wurden dagegen nur 5 Prozent investiert; nur 70 Prozent der Bürger können richtig schreiben und lesen. Doch statt das Humankapital zu stärken, um ausländische Arbeitgeber anzulocken, wurden diese mit Steuergeschenken geködert.

Ein fataler Irrtum, der Portugal in eine starke Abhängigkeit getrieben hat. Allein die Volkswagen-Fabrik Autoeuropa in Quinta do Anjo in der Nähe von Lissabon sichert inzwischen zehn Prozent der nationalen Ausfuhren.

Von der heimischen Wirtschaft ist in Sachen Export nicht viel zu erwarten: "Unsere traditionellen Industrien wie Kork, Papier, Schuhe und Textilien verlieren immer mehr an Bedeutung", warnt José Alberto Tavares Moreira, Präsident der Central-Banco de Investimento und Finanzschattenminister der größten Oppositionspartei, der sozialdemokratischen PPD/PSD. "Eine fatale Situation", glaubt Helmut Wittelsburger von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Madrid. Denn angesichts der niedrigen Produktivität, die bis zu 40 Prozent unter dem europäischen Durchschnitt liegt, sowie der drohenden Billigkonkurrenz aus Osteuropa ist Portugal als Produktionsstandort nicht mehr wettbewerbsfähig. Trotz der niedrigen Stundenlöhne im portugiesischen Industrie- und Dienstleistungssektor - mit rund sieben Euro weit unter dem EU-Durchschnitt - liegen die Lohnstückkosten wegen der niedrigeren Produktivitätsrate überdurchschnittlich hoch.