Vorläufiges amtliches Endergebnis der Hamburger Bürgerschaftswahl:

SPD 36,5 %; CDU 26,2 %; Bündnis 90/Die Grünen 8,5 %; FDP 5,1 %; PRO 19,4 %; Sonstige 4,3 %

"Schill stürzt Rot-Grün", schreit "Bild" seinen Lesern in Riesenlettern gnadenlos entgegen. Subtiler äußert sich die "tageszeitung" auf der Eins und prophezeit ein "Schill-out für die Grünen". Letztere hatten über fünf Prozent gegenüber der Wahl von 1997 verloren und gelten deshalb als größte Wahlverlierer. Gewohnt sachlich machen dagegen die anderen Gazetten auf: "Schill gewinnt - bürgerliche Mehrheit in Hamburg" textet die "Frankfurter Allgemeine", "Rechter Schill holt fast 20 Prozent", schreibt der "Tagesspiegel", "Schill-Partei bewirkt Wechsel in Hamburg", die "Frankfurter Rundschau". Die "Welt" titelt und interpretiert zugleich: "Rechtsruck bei den Wahlen in Hamburg". Nicht im Wahl-Mainstream steht dagegen die "Süddeutsche Zeitung", sie widmet ihrer Titelseite nach wie vor den Ereignissen in den New York und Washington und macht mit: "USA wollen die Taliban stürzen" auf. Und auch das "Handelsblatt" schreibt auf der Eins: "Regierungen retten Airlines".

Wechsel an der Wasserkante?

Soweit steht fest: Nach dem vorläufigen amtlichen Endergebnis hat die rot-grüne Landesregierung in Hamburg bei der gestrigen Bürgerschaftswahl die Regierungsmehrheit in den Sand gesetzt. Zwar konnte die seit 44 Jahren im Hamburger Rathaus sitzende SPD knapp an Prozentpunkten zulegen. Doch wegen der schweren Stimmen-Verluste des Koalitionspartners Bündnis 90/Die Grünen kann der selbst ernannte Bürgerblock aus CDU, FDP (kam knapp über die Fünf-Prozent-Hürde) und der Partei Rechtsstaatlicher Offensive (Schill-Partei, PRO) nun die Mehrheit der Sitze in der Bürgerschaft auf sich vereinen. Ohne den Stimmen-Beitrag der PRO, das steht nach dem Wahlergebnis fest, wäre dies allerdings nicht möglich gewesen. Shootingstar Schill hat damit einen "Alb-Traumstart" (die tageszeitung) hingelegt - und Politik wie Gesellschaft nachdenklich gemacht.

Wie konnte in einer so weltoffenen Stadt wie Hamburg ein politischer Rechtsausleger aus dem Stand jeden fünften Wahlberechtigten auf seine Seite ziehen? "Neue Wege, neue Köpfe", übertitelt Christian Kersting seinen Kommentar für die "Bild" und wagt darin einen Antwortversuch: "Die Abwahl von Rot-Grün ist die Quittung dafür, dass SPD und GAL die Angst der Menschen vor der wachsenden Kriminalität nicht mehr ernst genommen haben." Kann es nur das gewesen sein? Kaum. Johann Michael Möller greift im Titel-Kommentar der "Welt" diesen Aspekt auf: "Krisenzeiten sind keine Zeiten für politische Abenteuer", schreibt Möller. "Umso mehr zeigt das Hamburger Ergebnis, wie groß der Überdruss an einer in 44 Jahren erstarrten SPD-Herrschaft gewesen sein muss."

Dass nicht wenige Kommentatoren eher gespannt auf den neuen Polit-Star Schill schauen, macht auch der Tenor ihrer kritischen Äußerungen deutlich. Diese entzünden sich weniger am rechtspopulistisch agierenden Schill, sondern an den etablierten Parteien: "Als Opposition ein solches [rechtes, die Red.] Potenzial nicht mehr binden zu können, ist ein Offenbarungseid - auch für Berlin", schließt Johann Michael Möller seinen Kommentar in der "Welt". Und aus dem Berliner "Tagesspiegel" kommt ein Fazit, das Politiker bundesweit nur Bange machen, einigen Hamburger Rathaus-Honoratioren aber richtig wehtun dürfte: "Die Wähler wollten den Politikern wirklich etwas sagen. Sonst wären nicht so viele von ihnen wählen gegangen", schreibt Bernd Ulrich im Titelkommentar. Entgegen dem Trend stieg die Wahlbeteiligung bei der gestrigen Bürgerschaftswahl um sechs Prozentpunkte. Eindeutig skeptisch auf eine politische Zukunft von Schill blickt dagegen Astrid Hölscher in einem Kommentar für die "Frankfurter Rundschau". Den Sieg für den Bürgerblock, so Hölscher, habe Schill mit einer Anhängerschar errungen, von der außer starken Sprüchen nicht viel bekannt ist. "Ob solch Zusammenschluss unter Leitung eines Egomanen überhaupt eine Legislaturperiode übersteht, darf angesichts der Erfahrungen mit der Statt-Partei füglich bezweifelt werden."