Nicht zuletzt die Rede des Präsidenten vor dem deutschen Bundestag hat den Blattmachern imponiert. "Putin im Bundestag: Mit Härte gegen Terrorismus, Nationalismus, Seperatismus", schreibt die "Frankfurter Allgemeine". Etwas nüchterner die "Welt": "Weltweite Allianz gegen Terroristen". Die "Frankfurter Rundschau" tendiert leicht ins negative: "Putin vermisst 'echtes Vertrauen'." Auch bei den anderen Zeitungen stehen heute die drohenden Konsequenzen des 11. September wieder im Vordergrund. "Freier Flug nach Afghanistan", schreibt die "tageszeitung" und meint damit die Öffnung des Luftraumes der GUS Staaten für amerikanische Flugzeuge. Die "Süddeutsche Zeitung" warnt heute: "Bin Laden droht mit weiteren Anschlägen". Das "Handelsblatt" sieht wirtschaftliche Konsequenzen am Horizont aufziehen. "US-Verbraucher verlieren Vertrauen in die Konjunktur." Nur die "Bild" beschäftigt sich lieber mit Beziehungsstress. Mit dem Satz "Jetzt rede ich", will Ulla Kock am Brink ihre Affäre mit dem Mann von Sabine Christiansen rechtfertigen.

Putins Angebote

Es war nicht nur die erste Rede, die ein russischer Präsident vor einem deutschen Parlament hielt, es war auch eine sehr bewegende Rede, die er zudem in deutscher Sprache hielt; als "historisch" war diese Rede angekündigt worden. Die Meinungen der Kommentatoren sind da eher zurückhaltend. Mit Vorsicht seien die Angebote Putins zu genießen, meint Florian Hassel in der "Frankfurter Rundschau": "Noch immer ist Russland ein zurückgebliebener, autoritärer Staat, der zu viele Ressourcen ins aufgeblasene Militär und die Geheimdienste steckt. Noch immer schlägt Moskau im Zweifelsfall lieber mit Gewalt zu, als schwierige strukturelle Probleme zu lösen. Dies im Auge zu behalten, ist wichtiger als Putin vorschnell als neuen Freund des Westens und seiner Werte zu begrüßen." Denn die Probleme, die Moskau in Tschetschenien und anderen zentralasiatischen Staaten hat, sind nicht immer terroristischen Ursprungs, sondern oft auch durch wachsende Kriminalität hausgemacht, wie die "Frankfurter Rundschau" anmerkt. Nicht nur das tschetschenische Problem sieht Jacques Schuster in der "Welt" als Ursache für Putins Schulterschluss mit dem Westen. "Putins Motive sind so klar wie vielfältig. Dem russischen Staatschef kommt der Kampf des Westens gegen den internationalen Terror gelegen, eigene Probleme zu lösen. Mit Hilfe der Vereinigten Staaten hofft er, das afghanische Geschwür zu schließen, das in den islamischen Republiken der GUS seit Jahren für eine schleichende Sepsis sorgt." Denn der russischen Präsidenten scheint Angst zu haben, dass die extremistischen Islamisten über Länder wie Aserbaidschan, Turkmenistan und Usbekistan auch in Russland Fuß fassen könnten. Auch die "Süddeutsche Zeitung" schaut skeptisch auf die Einlassungen des russischen Präsidenten. "Die Chance, die Putin sieht, liegt darin, dass der Westen jetzt manches, was in Russland geschieht, anders bewertet. Kanzler Schröder hat schon von einer ‚differenzierteren' Betrachtung der Kämpfe in Tschetschenien geredet. Nolens volens akzeptiert der Westen die Darstellung der Russen, dass in Tschetschenien vor allem Terroristen zu Gange seien. Und für Terroristen, so heißt es aus dem Weißen Haus, kann es keine Gnade geben. Die haben auch die Russen in Grosny nicht gewährt." Auch für Deutschland kann die neue Politik Russlands Probleme bedeuten, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" festgestellt haben will. "Nach Amerika, der Supermacht, spielt Deutschland, die wirtschaftliche Vormacht Europas, in dieser russischen Strategie eine zentrale Rolle. Bei manchen unserer westlichen Nachbarn weckt das traditionell Unbehagen. Es wird großes Geschick bedürfe, Missverständnisse und Risiken zu vermeiden, die damit verbunden sind."

Wie mit Terror umgehen?

"Seit den Attentaten vom 11. September hat die Friedensbewegung einmal mehr unter Beweis gestellt, dass sie weder an Fakten noch an einem Mindestmaß an Logik interessiert ist.". Dies schreibt nicht ein konservatives Blatt, sondern Eberhard Seidel in der "tageszeitung". Und damit nicht genug: "Im Gegensatz zur Friedensbewegung haben die USA bislang rational reagiert und sind nicht in die Falle gelaufen, die die Terroristen mit Sicherheit in ihrem strategischen Kalkül hatten. (...)Wer allerdings glaubt, der saudische Milliardär Usama Bin Laden und sein Terroranhang könnten in absehbarer Zeit resozialisiert werden, der lebt nicht mehr in dieser Welt. Der hat weder dessen Strategien und Aktionen verfolgt noch den Hauch eines Schimmers über die Ausmaße des radikal-islamischen Netzwerks. Entschiedenes, auch militärisches Handeln bleibt unvermeidlich." Starker Tobak, der da zu hören ist, und es zeigt auch deutlich, in welcher Klemme sich die Grünen befinden, deren eigentliche Wählerbasis sich ja mal aus der Friedensbewegung rekrutierte. Die "Süddeutsche Zeitung" zeigt ein Szenario auf, wie es innerparteilich um die Grünen und deren heimlichen Chef, Außenminister Joschka Fischer, bestellt ist. "Fischer erwartet von seiner Fraktion, den bedingungslosen Bündnis-Kurs mitzutragen und einen Beschluss über die Beteiligung deutscher Soldaten an einem Militärschlag in Afghanistan zu unterstützen. Das bedeutet: Kommt bei einer Abstimmung die Regierungsmehrheit nicht zu Stande, ist erstens Rot-Grün am Ende und zweitens die Zeit Joschka Fischers bei den Grünen. Über seine weiteren politischen Ambitionen kann man spekulieren; über die Zahl der Gefolgsleute, die mit ihm gehen, auch." Doch was bleibt an der Basis von grüner Glaubwürdigkeit nach der Kosovo-Krise und einem möglichen Militärschlag der Nato-Staaten im Nahen Osten noch übrig?

Wie geht's weiter?

Leider passen sie nicht in diesen textlichen Rahmen, aber eine interessante Frage wirft heute die "Welt" auf: Wie mag die Welt in zehn Jahren aussehen? Welche Konsequenzen werden die Anschläge vom 11. September haben? In vier kurzen Skizzen über mögliche Entwicklungen der nächsten Jahre, versucht das Blatt, einen Ausblick zu wagen. Eine geht davon aus, das der Terror und den nächsten Jahren die Welt destabilisieren wird und an den Rand der Katastrophe führt. "Djihad Age - das Zeitalter des weltweiten Niedergangs" überschriebt die "Welt" die düstere Prophezeiung, in der auch Europa eine Rolle spielt. "Europa wird auch militärisch direkt in den Konflikt hineingezogen. Die weltweite Anti-Terror-Koalition hält nicht. Mehrere europäische Länder scheren nach Terrorattentaten auf eigenem Boden und antiamerikanischen Massendemonstrationen aus der Allianz aus. Die EU destabilisiert sich, mehrere Abkommen (z.B. Schengen) werden gekündigt oder widerrufen." Alle anderen sehen die Zukunft ein wenig - bis deutlich positiver. Sogar von einem endgültigen Zusammenrücken aller Staaten in der Welt unter der Schirmherrschaft der UNO ist die Rede. "Das Trauma des Terrors führt auf diese Weise zu einem neuen Weltbewusstsein. One World-Ethik setzt sich durch, Toleranz und friedliches Miteinander haben im Jahr 2010 ein großes Stück Terrain erobert. Gestützt von den UN-Institutionen entsteht eine Weltpolizei, die eine gemeinsame Menschenrechtsethik nicht nur einfordert, sondern zunehmend auch garantieren kann. Die wesentlichen ethnischen Konflikte auf der Welt sind befriedet oder werden von einer sensibilisierten Weltöffentlichkeit intensiv wahrgenommen." Doch sicher sind sich die Zukunftsforscher nicht. Sicher scheint nur, das sich etwas ändern wird.