Terror-Bestie" nannte Bild einen der mutmaßlichen Attentäter. Einer, der freundlich grüßt, offenbar intelligent ist, akzentfrei Deutsch spricht und trotzdem ein Passagierflugzeug in einen Wolkenkratzer steuert. Viele Leser werden gedacht haben: Sieht der Abgebildete mit seinem kantigen Kinn und dem leicht hängenden linken Augenlid nicht ein wenig verrückt aus? Das kann nur ein Psychopath sein!

Wer mit einem terroristischen Massenmord konfrontiert ist, neigt spontan dazu, die Täter für geisteskrank zu erklären. "Das ist zwar menschlich", sagt der irische Terrorismusexperte John Horgan, "aber dass Terroristen geisteskrank sind, ist sehr, sehr selten der Fall." Attentäter seien vielmehr Produkte einer Gesellschaft, einer bestimmten Zeit und eines Ortes. Weder war die Baader-Meinhof-Gruppe homogen, noch rekrutieren sich die IRA oder die Eta aus denselben Leuten. Niemand weiß genau, wie aus Menschen Terroristen werden. "Wir sehen nur den Endpunkt, das Drama. Und das diktiert dann unsere Annahmen über die Natur dieser Leute", sagt Horgan. Wenn sich überhaupt etwas sagen lässt über Attentäter vom Kaliber der Selbstmordbomber, dann dies: "Um eine Rolle in einem so ausgeklügelten Plan zu spielen, muss man sehr diszipliniert sein - und den Mund halten können." Ein egozentrischer Psychopath wäre schlicht zu unzuverlässig.

Das Phänomen der Suizidbomber entzieht sich den gängigen Klischees. Wer sich ihm rational nähern will - was vor allem Forscher in Israel oder Irland versuchen -, muss viele Aspekte berücksichtigen. Dementsprechend ruft es Experten unterschiedlichster Disziplinen auf den Plan, von der Psychologie über die Theologie bis zur Soziologie, ganz zu schweigen von den wissenschaftlichen Beratern der einschlägigen Dienste.

Hans-Gert Lange, Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Köln, sieht gewisse Parallelen mit Spionen: "Das sind unauffällige Leute, die hier wie alle anderen leben und einem normalen Beruf nachgehen." Wie aber halten Menschen die Spannung zwischen mörderischem Plan und bürgerlichem Leben aus? Braucht so jemand nicht Nerven wie Drahtseile, eine gewisse Kaltblütigkeit?

Wenigstens was die islamischen Selbstmordattentäter angeht, sei es ein "langsamer Prozess der Entmenschlichung", glaubt John Horgan. "In dessen Verlauf bauen sie eine Art inneres Abwehrschild gegen die Konsequenzen ihrer Tat auf." Eine solche emotionale Distanz hat nichts Pathologisches, sie ist zum Beispiel nicht mit der Grausamkeit von Triebtätern zu vergleichen, die normalerweise friedlich und freundlich sind und dann aus heiterem Himmel brutal zuschlagen. "Diese Selbstmordattentäter waren nicht triebhaft, etwa wie Sexualtäter, sondern psychisch eher unauffällig", warnt Wolfgang Berner, Psychiater und Sexualforscher an der Universitätsklinik Eppendorf in Hamburg, vor einer banalen Psychologisierung. Wenn es überhaupt ein verbindendes Kennzeichen gibt, dann wohl nur, dass sie sehr fundamentalistisch eingestellt waren und dogmatisch dachten.

Aber auch hier verbieten sich Vereinfachungen: Dogmatismus ist nicht zwingend an eine Religion gebunden. "Es kann auch eine politische Ideologie sein", sagt Berner. "Nicht nur Allah, auch Marx oder eine Partei können immer Recht haben, also Mittelpunkt einer Ideologie sein, aus der sich sämtliches Handeln herleiten lässt. Dafür sind wir alle anfällig." Die Kamikaze-Piloten, die die Attacke auf das World Trade Center flogen, waren keine Underdogs, sondern Studenten aus gut situiertem Elternhaus. Selbst unter Selbstmordattentätern im armen Gaza-Streifen besitzen rund fünfzig Prozent einen akademischen Abschluss.

Besonders anfällig sind junge Menschen, wenn sie unter extremen Bedingungen leben. Wenn ein Palästinenserjunge in einem Milieu der Armut und Diskriminierung heranwächst, früh den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt erfährt und erlebt, dass Suizidbomber verherrlicht werden, "dann", sagt Berner, "bedarf es keiner besonderen Psychopathologie, um dieses Ziel anzustreben". Unter diesen Bedingungen sorgt eine Rekrutierung nach Maß für die idealen Kandidaten. Denn - auch das macht die Suche nach einem Täterprofil schwierig - die meisten späteren Selbstmordattentäter bewerben sich nicht selbst bei den Terrororganisationen, sondern werden von diesen ausgesucht. "In bestimmten Kreisen ist es eine große Ehre, ein auserwählter Märtyrer zu sein für die große Sache", sagt John Horgan. Da diese Ehre nach gelungener Tat auch auf die Familie übergeht, drängen sich viele danach - zumal junge, unverheiratete Männer unter dreißig, die ihre brutale Aggression zugleich gegen sich selbst und Dritte richten, um später als Helden verehrt zu werden. Gleichzeitig verpflichten sich ihre Auftraggeber, die Familie bis zum Lebensende zu versorgen. Deren oft trostlose Situation hält die Terroristen auch nach längeren Auslandsaufenthalten noch bei der Stange. Und für das Jenseits bekommen sie zum Teil recht romantische Perspektiven in Aussicht gestellt. So wird islamischen Freiwilligen angeblich suggeriert, im Paradies seien sie künftig von 72 Jungfrauen umgeben, die ihnen zu Diensten stünden.