Wohl wahr! Man muss dann nur sagen: Ob man irgendetwas anders machen - oder alles so lassen will, wie es ist, mit den Möglichkeiten für Terroristen, sich vorzubereiten, eingeschlossen.

Mein Eindruck von der gegenwärtigen Debatte nimmt sich so aus: Wir reden jetzt von der Verstärkung polizeilicher Maßnahmen und von der Verstärkung der Gesetze vor allem deshalb, weil wir nicht den Eindruck erwecken wollen, wir seien gleichgültig. Frei nach Heinrichs Bölls Erzählung: Es muss etwas geschehen… Allerdings sehe ich bisher noch nicht die ernste Gefahr, dass wir unseren Rechtsstaat demontieren. Um es zynisch zu sagen: Schon deshalb nicht, weil wir im Terrorismus der RAF und dann auch noch hernach (Großer Lauschangriff etc. pp.) längst an die "Grenzen des Rechtsstaates" gegangen sind, um eine Formulierung aufzugreifen, die der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt damals gewählt hatte, selber einigermaßen besorgt. Es bleibt nicht mehr viel zu tun. Im übrigen kann man mir gerne meine Fingerabdrücke abnehmen, von mir aus auch noch den Abdruck vom großen Zeh, ehrlich: Dies sind alles nur Maßnahmen, die die Übereinstimmung meines Ausweises mit meiner Person sichern - nicht aber in meine Intim- oder Privatsphäre eingreifen. (Das wäre allenfalls anders, wenn ich bei jeder Kontrolle meine Socken ausziehen müsste; aber das will ja wohl niemand.)

Man lernt immer aus dem Terror von heute für die Gefahren von morgen. Das Problem dabei ist aber dieses Mal: Wenn Menschen, die Verbrechen planen, dies aus der perfekten Tarnung eines ganz und gar ordentlichen und normalen Lebens heraus tun, dann nutzen auch keine Fingerabdrücke in Ausweisen - und keine Geheimdienstler. Erinnern wir uns der Zeiten des deutschen Terrorismus: Nebst der RAF gab es damals die "Roten Zellen", kleine Zirkel von Feierabend-Terroristen, die tagsüber einem absolut normalen, möglicherweise sogar gehobenen Beruf nachgingen, und danach den anderen, den mörderischen Teil ihres Doppellebens führten. Ich habe bis heute noch nicht gehört, dass eine dieser Zellen geknackt worden wäre und ihre Mitglieder vor dem irdischen Richter gestanden hätten.

Das nämlich ist eines der Hauptprobleme dieser Art von Terrorismus: Perfekte Tarnung und Integration im Angriffsland (in der Angriffswelt) - Planung, Logistik, Geld und Anleitung in einem Teil der Welt, in den die Angegriffen nicht eindringen können, jedenfalls nicht zivil und polizeilich. Und weil das so ist, gibt es eben keine nur "Innere Sicherheit" - und kaum eine Möglichkeit auf diesem Felde viel zu verbessern. Selbst wenn wir unseren Rechtsstaat komplett zu Disposition gestellt hätten - wir hätten den Harburger Studenten immer noch nicht vorher als Täter einer Tat ausmachen können, die wir uns als solche ja auch nicht vorstellen konnten.

Es gibt eben nichts Perfektes - und deshalb soll man es auch nicht versprechen: Weder einen perfekten Militärschlag, noch eine perfekte Innere Sicherheit. Bisher hätten wir noch hinzugefügt: Auch kein perfektes Verbrechen. Ebene diese Annahme müssen wir nun mindestens für den Personenkreis korrigieren, der beim Anschlag aus "freien" Stücken sein eigenes Leben mit verbrennt. Und nach den anderen Tätern und Hintermännern suchen wir nun weiter - im Inneren wie im Äußeren. Und: Less than perfect…

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