Zwei Dinge sind immerhin erstaunlich, weil sie den alten politischen Faustregeln widersprechen. Zum einen: In großen Krisen wechselt der Wähler nicht die Pferde. Zweitens: Hohe Wahlbeteiligungen schaden den Kleinen und den Populisten. Pustekuchen: Die Wechselstimmung in Hamburg war offenbar so stark, dass sie sich nicht wieder einmal vertagen lassen wollte.

Nun kommt aber das wirklich Erstaunliche ans Licht - denn dieses liegt nicht daran, dass das rot-grüne Lager keine Mehrheit mehr bekommen hat. Sondern das ausdauernd Erstaunliche in der Freien und Hansestadt Hamburg liegt in der Tatsache, und das schon seit Jahrzehnten, dass es die bürgerlich-konservativen Kräfte hier nie vermocht haben, sich eine eigene politische Mehrheit zu organisieren. Wenn denn dieses Mal Wechsel angesagt war - dann hätte er doch zunächst in einer bürgerlichen Alternative sichtbar werden müssen. Pustekuchen: Trotz der Wechselatmosphäre ging die CDU noch einmal tief in die Knie - und mit ihr noch einmal das klassische Bürgertum insgesamt. Denn obschon die FDP dieses Mal wieder knapp in die Bürgerschaft gewählt wurde, sieht die Sache in der Addition so aus: Selbst CDU und FDP zusammengenommen haben dieses Mal weniger Stimmen auf sich vereinigt als vor vier Jahren.

Nun sagen alle, der merkwürdige Newcomer Ronald Schill verdanke seinen kometenhaften Aufstieg der SPD, die, nebenbei, ein wenig an Stimmen hinzugewonnen hat. Ich halte dagegen: Der Sieg Schills ist mindestens im gleichen Maße eine Niederlage des bürgerlichen Lagers wie eine Schlappe für rot-grün.

Ja, sogar in einem größeren Maße: Wenn nämlich viele SPD-Wähler zu Schill gewandert sein sollten, dann müssen noch etwas mehr Wähler zur SPD hinzugestoßen sein. Doch der Verlust der Grünen (5,4 Prozentpunkte) allein - wenn denn diese Wähler alle zur SPD gegangen sein sollten und eine ebenso große Zahl von SPD-Wählern zu Schill -kann den Sieg Schills nicht erklären. Mit anderen Worten: Schill ist überwiegend von Leuten gewählt worden, die schon lange nicht mehr SPD gewählt hatten - und inzwischen bereits mit der denkbaren bürgerlichen Alternative unzufrieden geworden waren. Und das macht die Pointe aus: Jetzt wollen die miteinander koalieren?

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