Schon! Denn so lokal bestimmt vieles von dem ist, was die gegenwärtige Hamburger Situation ausmacht - der Vorgang ist doch auch ein Mosaikstein in einem größeren Bild. Zunächst ist daran zu erinnern, dass das Thema Nr.1 , für das der Maverick Ronald Schill steht - die Innere Sicherheit -, von der bisher regierenden SPD (und erst recht von der GAL) sorglos ignoriert worden war. Selbst, wenn man hätte sagen können, dass das Problem rein kriminalstatistisch nicht derart in den Vordergrund drängte (was nur für den statistischen Durchschnitt so gelten konnte, nicht für einzelne Zonen, Schichten und Generationen, zum Beispiel für die Jugendlichen) - selbst dann kam (und das war das Fatale) die Haltung und das Signal herüber: "Müsst ihr Euch gaaar nich' um kümmern, wir tun es auch nicht!" Mehr noch die Gleichgültigkeit der Regierenden als die Gültigkeit der Statistiken war das politische Problem, also: die verlorene politische Bodenhaftung. (Und das schon, wie der vormalige Erste Bürgermeister Henning Voscherau seinerzeit erfahren musste, vor der vorigen Wahl.)

Nun aber tauschte die Hamburger SPD kurz vor der Wahl den Innensenator, und der Neue, nämlich Olaf Scholz, sollte Boden wettmachen; und langte auch recht hin. Aber mehr noch, als dass er Boden wett machte, bestätigte er ungewollt die Kritik an der bisherigen Politik der SPD: Wenn die SPD nun kurz vor der Wahl einen so heftigen Schwenk machte, dann musste Schill doch irgendwie Recht gehabt haben, oder? Schill und Scholl - was soll das wohl?

Bis dahin: nur Hamburg! Nun haben wir aber in Berlin auch noch Otto Schily. Wenn man unseren Innenminister so recht und ordentlich reden hört, möchte man das Video seiner Rede gerne verschneiden mit lauter Archivstücken aus seiner Zeit als Strafverteidiger: Wie war er damals über den law-and-oder-Staat hergezogen! Aber ich will jetzt Schily gar nicht auf die Couch legen (im Grunde freilich: doch!), sondern nur sagen: Ich glaube längst nicht mehr, dass er so nur redet, um "den Rechten" das Wasser abzugraben, sondern. weil er so denkt - genauer: weil er so empfindet! Und nun haben wir: Schily, Scholl und Schill - wohin denn das wohl will?

Ole von Beust, der im Grunde liberale CDU-Mann, wird nun im eigenen Lager zu hören bekommen, dass er einen zu schlappen Kurs gefahren habe - deshalb sei Schill so groß geworden. Und deshalb habe er von der CDU noch viel mehr Wähler geholt als von der SPD. Das wiederum ist Wasser auf die Mühlen von Roland Koch, der sich nur noch zum "brutalst möglichen" Aufräumer mausern müsste - wenn das nicht Schill schon wäre.

Und schon haben wir einen Trend: Auf eine merkwürdige Weise verschiebt sich, Facette um Facette, das innenpolitische Klima - nach rechts. Vorsicht! Nicht einfach Alarm geschrieen. Jetzt gilt es nämlich zu sortieren. Was an diesem Gesamteindruck geht zurück auf das Abkoppeln der politische Klasse von der Bewusstseins(k)lage wichtiger Wählerschichten? Es gibt nämlich keinen wirksamen Populismus ohne wirkliche Problemlage. Oder wie der englische Freund sagt: Even paranoids have real enemies. Was wiederum hat mit Veränderungen im Paradigma zu tun: Eine ganze Generation von ehemals aufsässigen Linken (und Liberalen, auch das gab es damals), also die 68er , kommen in die Jahre (ich sagen nur: Schily, Schily, Schily...) - und werden teils weise, teils müde, teils nur einfach alt, sie kämpfen jedenfalls nicht mehr für Überzeugungen, die die ihren nicht mehr sind. Und dann gibt es die schon reichlich alten Jungen, die schon deshalb gegen die 68er sind - weil sie die 68er nie waren. Und dann gibt es einfach Verschiebungen in den realen Problemlagen - von der Sozial- bis zu Sicherheitspolitik.

So geht ein Ruck durchs Land - der Probleme zuspitzt, aber keine Lösungen bietet. Und damit schalten wir zurück nach Hamburg. Da will Herr Schill Innensenator werden und verlangt zugleich, dass der nicht-liberale Liberale Alexander von Stahl (der Schill avant le mot der FDP) Justizsenator wird. Nur zu, kann ich da nur raten: Das ist die beste Garantie dafür, dass der neue Bürgerblock die Sache im ursprünglich liberal bürgerlichen Hamburg in überschaubarer Zeit an die Wand fährt und sich als Seifenblase entzaubert. Wenn die SPD daraus die richtigen Lehren zu ziehen lernt…

P.S.: So verrückt es klingt: Ich halte das immer noch den Preis dafür, dass man jahrzehntelang immer wieder das kleiner Übel geschluckt hatte - dass man nun auf kürzere Frist mit dem größeren leben muss.