Bei Öger-Tours gehen täglich 200 Stornos für Touren in die Türkei ein. Auch Oft-Reisen in Stuttgart spürt die Unsicherheit: Bis vergangenen Montag entschieden sich 114 Kunden gegen die gebuchte Ägyptenreise. Das Auswärtige Amt rät von Reisen in das Land der Pharaonen derzeit nicht ab. Die Folgen eines Gegenschlags der Amerikaner könnten jedoch auch Touristen in Ägypten treffen: Osama bin Laden hat in Ägypten Anhänger, die auch am Massaker in Luxor im November 1997 beteiligt waren. 58 Touristen wurden damals getötet.

Terror lässt den Tourismus nicht unberührt. Vor allem Dritte-Welt-Länder trifft er an ihrer empfindlichsten Stelle. Und dem Urlauber zeigt er einmal mehr, dass eine Reise kein Rundum-Sorglos-Paket und die Welt kein Paradies ist, wie es die bunten Kataloge suggerieren. Für die Ferienmacher ist Terror nichts Ungewöhnliches, er hat fast schon eine Tradition. Nicht nur Ägypten meldet sich regelmäßig durch irrationale Ereignisse ins öffentliche Bewusstsein zurück. Ähnlich ist es in der Türkei, wenn die kurdische Arbeiterpartei PKK Tourismusziele im Süden des Landes attackiert, oder in Sri Lanka, wenn Terroristen der tamilischen Befreiungsfront LTTE auf dem Flughafen Bomben zünden. Für einige Wochen oder Monate sind diese Ziele dann von der touristischen Landkarte ausradiert.

Der Tourismus ist weltweit zum größten Wirtschaftszweig avanciert. In den vergangenen Jahren war er vom Erfolg verwöhnt. Nach Angaben der World Tourism Organization (WTO) stieg die Zahl internationaler Ankünfte weltweit von 457 Millionen im Jahre 1990 auf 697 Millionen in 2000. Die Einnahmen aus dem Tourismus betrugen im vergangenen Jahr 476 Milliarden USDollar. Nun aber ziehen dunkle Wolken über das Geschäft mit Sonne und Meer. Möglicherweise nicht minder stark als zur Zeit des Golfkrieges. Keine andere Branche bekam die Auswirkungen damals so schmerzhaft zu spüren wie die Touristik. "Wochenlang hatten wir nicht einen Kunden", erklärt Ursula Reinert, Geschäftsführerin von Oft-Reisen, die seit über 30 Jahren Touren nach Ägypten organisiert. "Das Ziel ist Überleben" hieß damals das Credo der gebeutelten Branche. Ägypten-Spezialist Hetzel-Reisen in Stuttgart wurde seine 20 000 eingekauften Ägypten-Plätze 1991 nicht los. Das Unternehmen machte später Pleite.

Der US-Tourismusanalyst Bobby Bowers sagt der Fremdenverkehrsbranche seines Landes bereits "ein Debakel" voraus. WTO-Generalsekretär Francesco Frangialli glaubt jedoch nicht an eine weltweite Reiserezession. "Sicherlich werden Amerikaner das Reisen scheuen", sagt er, "der Anteil der USA am internationalen Reiseaufkommen macht aber nur 13 Prozent, Touristen anderer Märkte wie Japan, Deutschland oder Großbritannien werden weiterhin reisen."

Fronttouristen erwartet

Es scheint in diesen Tagen und Wochen ein schwacher Trost zu sein, wenn Touristiker vor einer Hysterie warnen und immer wieder beteuern, dass Afghanistan kein Nachbar von Ägypten und die Türkei ein laizistisches Land und obendrein Nato-Partner ist: Die subjektiv empfundene Unsicherheit reicht aus, eine Reise zu stornieren. Oder das Gefühl, dass es nicht unbedingt entspannend ist, an den weißen Stränden des Roten Meeres oder von Djerba zu liegen, während auf der anderen Seite der arabischen Halbinsel die Bomben vom Himmel fallen.

Um die größtmögliche Sicherheit für Reisende zu garantieren (und sich zugleich rechtlich abzusichern), orientieren sich Reiseveranstalter an den Hinweisen des Auswärtigen Amtes (AA). Nachdem AA-Staatsminister Ludger Vollmer im März erstmals auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) erschien, wurde der Informationsaustausch mit Veranstaltern "deutlich verfeinert", wie Vollmer sagte. Momentan werden die Länderhinweise auf der Internet-Seite des AA stündlich aktualisiert. Rund um die Uhr ist das Beamtenteam im Einsatz. Aktualisiert Kontakte, holt Informationen von Sicherheitsdiensten und deutschen Botschaften ein, wartet, agiert, reagiert. Vor allem im Hinblick auf den Nahen und Mittleren Osten. Als sich Saddam Hussein in seiner Fernsehansprache nicht öffentlich von den Terrorakten in den USA distanzierte - was auch nicht wirklich zu erwarten war -, setzte das Auswärtige Amt den Irak auf den Index der nicht zu bereisenden Länder. "Angesichts der von der irakischen Regierung hierzu eingenommenen Haltung wird geraten, Reisen in den Irak bis auf weiteres zurückzustellen", heißt es in der entsprechenden Reisewarnung auf der Internet-Seite, die seit dem 11. September täglich rund 30 000-mal angeklickt wird.