DIE ZEIT: Herr Minister, was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie von diesem schrecklichen Attentat in New York und Washington hörten?

Otto Schily: Ich habe es bei CNN gesehen, auch den zweiten Flugzeugangriff. Es war sofort erkennbar, dass es sich um eine gesteuerte Aktion handelte. Es hatte etwas Unwirkliches. Aber ich will nicht über Gefühle sprechen. Dieser Anschlag ist ein tiefer Einschnitt in der Entwicklung der Menschheit. Der Angriff auf die Zentren einer Nation, die in der Tradition der Menschheitsgeschichte wie keine andere Menschenrechte, Freiheit, Demokratie verkörpert, einer Nation, der wir Deutschen Demokratie, Freiheit und Rechtsstaat verdanken, das erreicht eine Größenordnung, die mit Recht als eine historische Zäsur wahrgenommen wird.

DIE ZEIT: Krieg ist in aller Munde. Ist "Krieg" für Sie überhaupt eine taugliche Kategorie hierfür?

Schily: Krieg in dem Sinne, dass es eine Kampfansage ist an alle zivilisatorischen Werte, die wir gemeinsam errungen haben. Manche meinten ja, das Ende der Geschichte sei erreicht, weil wir Freiheit und Demokratie weltweit durchgesetzt haben - das erweist sich offenbar als Irrtum.

DIE ZEIT: Was genau ist denn das Neue für Sie?

Schily: Das Neue ist, dass der Anschlag eine als unverwundbar geltende Macht trifft und von einer Gewissenlosigkeit und kriminellen Intensität zeugt, die das eigene Leben und das Tausender unschuldiger Menschen nicht schont.

DIE ZEIT: Die Spur dieser Verbrechen führt auch nach Deutschland. Gehörte zu Ihren ersten Gedanken, dass die Sicherheitssysteme versagt haben könnten?