William Blake war ein Künstler zur falschen Zeit. Er verstörte seine Förderer, Freunde, Künstler, Nachbarn und die frühen Senkrechtstarter der industriellen Revolution. "Wer nur die Ratio sieht", prophezeite Blake, "sieht nur sich selbst." Aber genau das war es, was die aufsteigende Klasse im Kopf hatte. In Samuel Pepys köstlichem Dreck- und Stinktagebuch ist nachzulesen, wie es im Jahrhundert vor Blakes Geburt um die feine englische Gesellschaft bestellt war, und der Nachlass des Kollegen Hogarth liefert den Beweis, dass Pepys nicht viel mehr, als es der liebe Gott erlaubt, übertrieben hatte.

Aber William Blake kümmerte sich bis zu seinem Tod 1827 nicht um König, Adel, Bürgertum und Politik. Wer mit ihm befreundet war und blieb, musste entweder übermenschlich gütig oder unmenschlich hellseherisch sein. Seine Welt war von einem Engel "illuminiert", der über seiner Geburt an einem Novemberabend 1757 in einer Wohnung im Londoner Stadtteil Soho über dem elterlichen Strumpfwirkladen "thronte". Er hat, damit die Engel immer um ihn waren, in seinem Leben Hunderte gemalt.

Man sagt von William Blake, er habe den Klassizismus überwunden, das stimmt, und das ist falsch. Denn Blake war ein Dichter und ein Maler, Zeichner, Kupferstecher, der sich die Welt so entwarf, wie er sie sehen wollte. Er probierte den Symbolismus und die schwebende Grazie des Jugendstils in einer eigenwilligen Vorschau schon einmal aus, dabei wollte er kein Erneuerer sein, sondern heilig, klar und rein wie Raffael. William Blakes theatralische Geschöpfe, die Engel und die Rauschebartfiguren, waren weit von den Gemälden Raffaels entfernt. Wie die meisten seiner Wünsche hat sich der größte von einer Reise zu Raffaels Bildern und Michelangelos Monumenten nicht erfüllt. Dürers Melancholia hing an der Wand seiner wechselnden schäbigen Behausungen.

Der englische Romancier und Biograf Peter Ackroyd hat sich große und erfolgreiche Mühe gegeben, der bedingungslosen Vehemenz dieses Total-Künstlers nüchtern gegenüberzutreten, ihn weder zu dämonisieren noch anzubeten oder den alten Legenden vom "verrückten Blake" neue hinzuzufügen. Denn die vielen Forscher haben in jedem Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ihre Sicht auf den Künstler oft ihrem eigenen Zeitgeist angepasst und nicht Blake.

Peter Ackroyd begegnet dem nervösen und leicht erregbaren Genie mit Neugier, aber auch mit zugeneigter Gelassenheit. Die Blake-Forschung revolutionieren will er nicht. Ackroyd hat kein kunsthistorisches Fachbuch, sondern eine leicht zu lesende kenntnisreiche Biografie geschrieben, die Irrtümer klarstellt. So erfand William Butler Yeats einen irischen Vater für Blake, aber Visionäre, schreibt Ackroyd, können im tiefsten London zur Welt kommen.

Doch Visionäre fallen nicht vom Himmel, sondern greifen nach verwendbarem Material. Blake fand es in Büchern wie der Bibel und beim Philosophen Emanuel Swedenborg, der für Blakes Geburtsjahr das Jüngste Gericht der geistigen Welt vorhergesagt hatte. Swedenborg und seine Synthese von Okkultem und Alchemistischem, in der Gott, alle Engel und alle Geister Menschen vollkommener Gestalt sind, war für Blake mit ein ideeller Partner. Swedenborgs Arcana Coelestia hat auf ihn, "den letzten großen religiösen Dichter Englands", wie ein Rauschmittel gewirkt. Er war aber nicht nur Swedenborgianer und in späteren Jahren auch beeinflusst von den Schriften Jakob Böhmes, er war in einem Haushalt von Häretikern aufgewachsen. Seine Eltern waren Mitglieder der von der anglikanischen Hochkirche abgefallenen Dissenter-Sekte.