Seit dem Tag, an dem die Türme des World Trade Centers zusammenstürzten und die Champions League trotzdem angepfiffen wurde, steht für mich die Frage im Raum: Wieso ist der Profifußball nicht in der Lage, sich einzufügen in das Ausmaß der Trauer, das den ganzen Alltag zum Erliegen brachte? Wo ist die innere Stimme geblieben, das, was wir Intuition nennen, die Intelligenz der Gefühle? Was für eine Unsensibilität: Die Schweigeminuten am Tag des Unglücks, die waren doch lächerlich. Jedem hätte klar sein müssen: Dieses Elend, das im Fernsehen zu verfolgen ist, lässt sich nicht in eine Minute pressen, nicht in eine Geste, die man sonst ja eher einem verstorbenen Schiedsrichterkameraden zuteil werden lässt.

Die meisten Funktionäre, ob im europäischen Fußball-Verband Uefa oder in der Deutschen Fußball Liga GmbH, die die Bundesliga managt, rechtfertigen sich mit Aussagen wie der, dass der Sport vor Terror nicht kapitulieren darf.

Sie hätten Recht, wenn ihr Sport vom Terror direkt betroffen wäre, wie es die Olympischen Spiele 1972 gewesen sind. Das war ein Anschlag auf das Ereignis selbst. "The games must go on", hat der IOC-Präsident damals gesagt - heute gilt dieser Satz fatalerweise als Naturgesetz, unbedacht dahergesagt und Teil einer Begründungshysterie, die wir jetzt hören: "Wir dürfen nicht vor dem Terrorismus kapitulieren", "Sport steht für Fair Play, gerade jetzt ist er wichtig", "Sport muss Hoffnungsträger bleiben". Das wäre alles korrekt, entstünde nicht der Eindruck, dass sich hinter diesen Sätzen eher banale Motive und Nöte verbergen.

Welche?

Arroganz. Überforderung. "WIR lassen uns doch von solchen Verbrechern nicht den Spaß verderben, WIR nicht" - das ist für mich die bockige Aussage hinter vielen Rechtfertigungen, und daraus sprach zumindest in den ersten Tagen mehr Arroganz als Betroffenheit. Außerdem haben die Funktionäre mit ihrer Weigerung zu reagieren ihre Unfähigkeit eingestanden, die ganze kommerzielle Maschinerie anhalten zu können, die sie um den Sport herum aufgebaut haben.

Und jetzt? Ist eine Rückkehr zur Normalität, zum Sport als Trostspender immer noch nicht möglich?

Sie wäre schon am Wochenende möglich gewesen, wenn die Sportler selbst das gewollt hätten. Wollten einige aber nicht - und da ist der Kern des Konfliktes zwischen Sportlern und Funktionären: Nur die Spieler spüren, dass ihre Gefühle während eines Fußballspieles, die hohen Anforderungen an Kreativität und Kampfgeist, mit ihren Emotionen angesichts der weltpolitischen Lage nicht in Einklang zu bringen sind.