VAHRENHOLT:
‚Seveso ist überall’ bedeutete ja: Seveso ist überall möglich. Ich denke, was wir jetzt in diesen Tagen erfahren, ist dass New York überall möglich ist. Das ist, glaube ich, das, was die Menschen so erschreckt und was auch dazu führt, dass sich die politische Agenda verändern wird – auch in Deutschland.

Wie reagiert denn die Welt? Wenn Sie daran denken, wie die Welt reagiert hat, welche Konsequenzen sie gezogen hat nach dem Unfall in Seveso oder nach dem Chemieunfall im indischen Bopal oder nach dem Atomunfall in Tschernobyl- sind denn die jeweils angemessenen Konsequenzen gezogen worden?

Also die Menschen reagieren ja auf Bilder – das haben wir in Seveso gemerkt. Die Bilder der entstellten Gesichter der Kinder haben, glaube ich, bewirkt, dass sich innerhalb der folgenden 20 Jahre ein ganzer Industriezweig fundamental verändert hat. Die Politik hat gehandelt. Sie hat Störfall-Verordnung, Chemikaliengesetz – alles das damals eingeleitet. Es war vor Seveso ja noch üblich, dass Chemikalien einfach auf den Markt kamen, ohne dass man sie vorher geprüft hatte - auf die Gesundheitsgefährdung. Das heißt also, dieser öffentliche Druck hat dazu geführt, dass Politik handelte und dass Interessenvertretungen der Industrie lernen mussten, dass sie die Menschen nicht mehr erreichen. Also insofern bin ich ganz sicher, die Bilder von New York werden auch die Politik zum Handeln bringen; das wissen wir ja auch. Und sie werden auch die politische Agenda in den Köpfen der Menschen verändern. Es wird die Frage der Verletzlichkeit der Zivilisation eine viel größere Rolle spielen als wir das vor Jahren - noch vor 14 Tagen - gedacht haben.

Herr Vahrenholt, Sie sind von Hause aus Naturwissenschaftler. Wie ernst muss man denn die Furcht, die manche Menschen jetzt umtreibt, nehmen, dass nicht nur die Gefahr neuer Anschläge mit Flugzeugen droht, sondern auch auf ganz anderen Gebieten - beispielsweise mit chemischen oder biologischen Waffen, mit Giften?

Diese Möglichkeit ist gegeben. Wir haben das schon früher untersucht. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, ein Trinkwassernetz zu verseuchen. Dazu bedarf es wegen der Kontrolldichte schon einiger Kenntnis, denn wir haben eine ausreichende Kontrolldichte in Deutschland. Wasser wird hinreichend untersucht, so dass eigentlich den Wasserwerken nichts entgehen dürfte. Aber ich habe nicht das kranke Hirn dazu, um zu wissen, auf welche verrückten Ideen Leute kommen - aber man muss sich schon mit all diesen verrückten Ideen beschäftigen.

Sie haben von der Verletzbarkeit der Zivilisation geredet. Nun wächst ja auch bei vielen Menschen die Furcht vor einer Unterbrechung des Ölnachschubes in der Folge dieser schrecklichen Ereignisse. Ist diese Sorge berechtigt?

Ich kann mir das schon vorstellen. Das kommt ein bisschen darauf an, wie die nächsten Schritte der USA aussehen. Wir haben ja Beispiele in der Vergangenheit gehabt, wo sich dann der Ölpreis sehr explosiv verhielt. Das könnte jetzt wieder so sein, wenn sich die arabische Welt solidarisiert –– und bei den Bildern, die wir vielleicht in den nächsten Tagen und Wochen sehen werden, kann das ja sehr schnell geschehen, wenn wir möglicherweise wieder neue Auswüchse, neue Emotionen auf arabischer Seite erwecken. Das müssen wir jedenfalls befürchten. Wir müssen wissen, dass 70 Prozent der Welt-Öl-Reserven in einer Ellipse von Kasachstan bis zum Persischen Golf liegen. Auch was Erdgas angeht, sind wir in einer besorgniserregenden Weise abhängig. Wir wissen ja, dass das Nordseegas in zehn , fünfzehn Jahren zu Ende geht. Wir wissen, dass wir ab 2025 vom russischen und algerischen Erdgas abhängig sein werden. Das heißt, was wir in den nächsten Monaten diskutieren werden, da bin ich ganz sicher, ist, inwieweit wir zu abhängig sind, von Energieimporten - und zwar aus Regionen, die nicht zu den sichersten Regionen dieser Welt gehören!