Moskau

Die Fernsehbilder aus New York und Washington kommen den Russen bekannt vor: Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren sprengten Unbekannte in Moskau mehrere Wohnblöcke. Mehr als zweihundert Menschen wurden im Schlaf zerrissen, zerquetscht.

Das russische Staatsfernsehen zeigt seit den Angriffen in den USA Moskauer Bürger, die Blumen vor der amerikanischen Botschaft niederlegen. Dagegen schneiden die Journalisten Szenen der Anschläge in russischen Städten von 1999. Wladimir Putin spricht George Bush am Tag des Angriffs auf Amerika als einer der ersten ausländischen Staatsmänner sein Beileid aus. Im Fernsehen betont der russische Präsident, sein Land verstehe den Schmerz Amerikas, denn es sei selbst Ziel des Terrors.

Die Analogien zwischen New York und Moskau sind auf den ersten Blick verblüffend: Internationale Terroristen greifen die Supermächte und ehemaligen Hauptgegner aus der Zeit des Kalten Krieges an. Dritter Weltkrieg verkehrt. So hat ihn sich niemand ausgemalt, das Fernsehen zeichnet die neuen Fronten. Putin schlägt Bush enge Zusammenarbeit gegen den Terrorismus vor. Russland und Amerika kämpfen, zwölf Jahre nach dem Fall der Mauer, gemeinsam gegen den unsichtbaren Feind. Im Werbe-Abspann trinken glückliche Russen amerikanische Kaltgetränke.

Leider ist das vom Staatsfernsehen gezeichnete Bild von der Eintracht in der Not schief. Die Anschläge auf Moskauer Wohnhäuser sind schwer vergleichbar mit den Ereignissen der vergangenen Woche. Die "Terroristen", gegen die Moskau kämpft, sind keine Fremden, sondern meist russische Staatsangehörige. Vor einer freimütigen Zusammenarbeit Russlands mit den USA stehen Mauern des Misstrauens. Was meinen Moskauer Politiker, wenn sie von "Terrorismus" sprechen?

Als vor zwei Jahren in Moskau und Südrussland Wohnhäuser explodierten, hatten die russischen Sicherheitsapparate die Rückeroberung Tschetscheniens bereits ein halbes Jahr lang vorbereitet. Die furchtbaren Anschläge lieferten den Bürgern eine fassbare Erklärung, warum sich ihre Regierung auf einen zweiten verlustreichen Krieg am Kaukasus einließ: Die "Terroristen" mussten mit allen Mitteln gestoppt werden. Die Streitkräfte rückten vor, und die eben erst gegründete Kreml-Partei "Einheit" schoss bei den Dumawahlen von null auf mehrheitsverdächtige Prozentzahlen. Den gesichtslosen Ex-Geheimdienst-Chef und Jungpremier Wladimir Putin katapultierte der Krieg auf Zustimmungsraten bis zu siebzig Prozent. So wurde die bruchlose Machtübergabe von Jelzin zu Putin in Tschetschenien militärisch abgesichert.

Seither versuchen russische Truppen, mit dem selbstaufgebürdeten Konflikt fertig zu werden. Was Wladimir Putin und seine Generäle die "antiterroristische Aktion" nannten, artete in einen Krieg gegen die Zivilbevölkerung aus. Massive Luftangriffe trieben die Tschetschenen zu Hunderttausenden in benachbarte Republiken. Wer blieb, der war vor Plünderungen, Vergewaltigungen, Verhören und Erschießungen nicht sicher. Erst im Juli überfielen russische Soldaten wieder zwei Dörfer, folterten Menschen und räumten ihre Häuser aus.