BBC World sendete nach dem Anschlag immer wieder einen Videoclip, der aus kommentarlos aneinander geschnittenen Zeitlupenbildern der zusammenbrechenden Hochhäuser, der schreienden Passanten, dem brennenden Pentagon, der rammenden Flugzeuge, den grabenden Feuerwehrleuten besteht. Die Zeitlupe macht die Katastrophe zu einer anmutigen Sinfonie, sie nimmt dem Zusammenbruch die Härte. Mehr aber noch diktiert die Musik die Stimmung: Getragen am Anfang, dann von einem stampfenden Elektrobeat überlagert, zieht die Melodie die Emotionen hoch bis zur Stille für den - im Laufe von Tagen immer wieder choralhaft wiederholten - Satz von George W. Bush: Diese Anschläge waren mehr als Terrorakte, »they were acts of war«. Die Vorankündigung des Krieges, verpackt als Techno-Clip, wie er auch auf MTV laufen könnte.

Ich las am Dienstagabend bei einer Buchpremiere. Liebe bis aufs Blut heißt der Sammelband mit zehn Geschichten junger deutscher Autorinnen zum Thema Eifersucht. Wir überlegten, die Veranstaltung abzusagen. Es schien nicht angebracht, ein Buch zu feiern. Wir dachten, es würde sowieso niemand kommen. Doch die alte Kantine in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg füllte sich, und wir lasen. Der Herausgeber des Buches sprach erst von der Katastrophe in den USA, dann von Eifersucht und »uncoolen Gefühlen«. Wir lasen, und das Publikum schien eine Spur aufmerksamer als sonst, dankbarer für angebotene Lacher, gleichwohl zurückhaltender. Die Bücher wurden am Ende stumm zur Signatur entgegengestreckt, ohne Fragen. Die Fragen waren woanders. Der Versuch, nach der Lesung noch etwas zu essen zu bekommen, scheiterte. Die Küche hatte mangels Gästen bereits geschlossen.

Am nächsten Morgen ging ich in den Bundestag. Eigentlich hätte diese Kolumne den Bräunungsgrad von Rudolf Scharping und Kollegen untersuchen sollen, doch Mallorca, Rügen und Wolfgangsee waren plötzlich Schnee von gestern geworden. Es wurde nicht mehr debattiert, über Flüge spekuliert und Parteipolitik gemacht. Es war ein Tag der Gesten, der Schweigeminuten, der Erklärungen, gespickt mit Himmel und Hölle und Solidarität - dieses altmodische Wort, plötzlich blank poliert aus dem Schrank gezogen. Das Presseamt zur Ausstellung der Ausweise für den Bundestag liegt auf demselben Flur wie die Botschaft des Islamischen Staates Afghanistan. Außer einer Putzfrau war niemand zu sehen.