Durch die großen Straßenfenster zeigt sich ein wunderschöner - und völlig normaler - Herbsttag. Die Sixth Avenue ist dicht bevölkert mit New Yorkern, die auf Rollerskates unterwegs sind, ihre Hunde ausführen, Kinderwagen schieben, Lebensmittel einkaufen oder ihre Kleidung in die Reinigung bringen. Nur nach und nach bemerkt man die eindeutigen Hinweise darauf, dass die Situation keineswegs normal ist in dieser Stadt, die verzweifelt versucht, sich von ihrer Trauer und ihrem Schock zu erholen. Der Schein trügt: Zwei Tage nachdem die Leute aus ihren Häusern in dieselben Straßen strömten und mit Blick nach Süden die Zwillingstürme in sich zusammenstürzen sahen, ist nichts normal.

In vieler Hinsicht scheint die Stadt erstaunlich gut zu funktionieren. Die Stimmung ist fast unnatürlich ruhig. Es gibt keine Panik, keine Hysterie. Stattdessen herrscht allgemein der Eindruck, dass die städtischen Behörden ihre Aufgabe hervorragend meistern: in der Art, wie sie Ruhe und Ordnung herstellen und die Arbeit in dem Katastrophengebiet organisieren. Sogar wer bis zu jenem Dienstag Bürgermeister Giulianis Politik extrem kritisch gegenüberstand, war tief berührt von seiner Besonnenheit, seiner Menschlichkeit und seiner Fähigkeit, die Ressourcen und Energien der Stadt so einzusetzen, dass Ordnung entstand, wo sonst nur Chaos geherrscht hätte.

Stück für Stück zeigen sich die Einzelheiten des Unnormalen

Auch wenn die Dinge durchaus normal erscheinen, ist es - zumindest hier in Downtown - unmöglich, zu leugnen, dass wir uns in einer Krise befinden. Und so wird es noch lange bleiben.

Zum einen fährt hier kaum ein Auto. Zwei Blocks weiter, auf der Fourteenth Street, überprüfen bewaffnete Polizisten Führerscheine. Nur Anlieger dürfen das Gebiet betreten, das nur eine halbe Stunde Fußweg entfernt ist von dem, was einst das World Trade Center war und heute "Ground Zero" genannt wird. Offiziell dürfen nur Einsatzfahrzeuge passieren, aber heute kommen zum ersten Mal seit dem Anschlag auch Lieferwagen in den Bezirk, um Lebensmittel an die Geschäfte zu liefern, denen letzte Nacht allmählich Grundnahrungsmittel wie Brot und Milch ausgingen. Dennoch fahren so wenige Autos, dass die Fußgänger ungestört auf der Mitte der Straße entlangschlendern können, die bis zum Tag der Katastrophe zu den dichtest befahrenen der Stadt gehörte. Das normalerweise laute Treiben auf der Straße ist gespenstisch gedämpft. Nur langsam kommt die große Anzahl von Menschen in den Blick, die amerikanische Fahnen schwenken (was man im zynischen Manhattan nur selten zu sehen bekommt) und Mundschutz tragen. Denn wenn der Wind auch nur leicht dreht, trägt er sandigen Staub, der in der Kehle würgt, und den fast unerträglichen Geruch von Schwelbränden heran.

Stück für Stück zeigen sich die Einzelheiten des Unnormalen: vor dem Fenster des Restaurants ist eine Straßenlaterne von oben bis unten beklebt mit fotokopierten Aufnahmen von vermissten Personen. Die meisten von ihnen arbeiteten im World Trade Center: Junge und Alte, Weiße und Schwarze, Asiaten und Südamerikaner, die ganze Spannbreite von Rassen und Gesichtern, aus der sich die Bevölkerung New Yorks zusammensetzt. Es handelt sich um Schnappschüsse von Geburtstagsfeiern, Familienfotos, Bilder von Müttern mit Kindern, Urlaubsfotos von Männern und Frauen, die vor Sehenswürdigkeiten stehen, oder Aufnahmen von Abschlussfeiern. Und darunter sind Details notiert - "sehr dünn" steht unter dem Gesicht eines süßen kleinen Jungen, während auf einem anderen Aushang die Tätowierungen einer hübschen jungen Frau beschrieben werden - und darüber immer die Überschriften: "Wer hat diese Person gesehen?" - "Zuletzt gesehen am ..." - "Vermisst seit ..."

Es scheint gleichzeitig alles und nichts normal zu sein. In unserem Schreibwarenladen um die Ecke, der ungefähr einen Block weit vom St. Vincent's Hospital entfernt liegt, sind die Hälfte der Kunden Notfallmediziner. Sie kamen aus dem ganzen Land angereist, um bei den Rettungsarbeiten zu helfen. Im Laden kaufen sie Klipps, um die neuen Ausweise an ihren Uniformen zu befestigen. Die meisten anderen Kunden sind wegen des Fotokopiergeräts hier: Sie wollen Plakate von ihren vermissten Angehörigen anfertigen. Während ich vor dem Laden neben einer Telefonzelle stehe, hängt ein junger Mann das Bild einer Frau mit ihrem Sohn auf. "Vermisst" steht auf dem Plakat. Der junge Mann erklärt mir mit Tränen in den Augen, es sei ein Bild seiner Mutter. Einen Block weiter reagieren selbst die Obdachlosen auf die Krise. Ein Mann, der sein Zuhause auf der Straße aufgeschlagen hat - auf einer Matratze zwischen zwei riesigen Säcken mit Plastikflaschen -, schaffte es irgendwie, seinen Unterschlupf mit einer riesigen amerikanischen Fahne auszustaffieren.