Überall eröffnen sich schmerzhafte kleine Momentaufnahmen, die eine Ahnung vom Leben - und von den schrecklichen Verlusten - der Menschen geben. Während eines kurzen Spaziergangs entlang des West Side Highways, der Hauptverkehrsader, die zu dem Katastrophengebiet führt, begegne ich zwei Nonnen. Sie kommen gerade von einem Rettungseinsatz. Ihre Kleider - die blauweiß gestreiften Saris des Mutter-Theresa-Ordens - sind bedeckt mit Staub und Blut. Ich komme an zwei Feuerwehrleuten vorbei: Die Gesichter sind schmutzverschmiert und die Schultern vor Erschöpfung gebeugt. Sie werden gerade von einem Reporter befragt. Mitten im Interview beginnen diese zwei starken, tatkräftigen Männer zu weinen und umarmen sich, bis sie ihre Fassung wiedergewonnen haben. Auf beiden Seiten des Highways stehen Menschen, die den Einsatzmannschaften zujubeln und applaudieren, während sie zwischen Downtown und dem Katastrophengebiet hin- und herfahren. Die Menschen schwenken Plakate, auf denen » Thank You «, » God Loves You « oder » You Are Our Heroes « steht.

Nur einige Blocks vom Highway entfernt beobachte ich Stammkunden, die ernsthaft ihre Auswahl unter den unglaublich lecker aussehenden Waren einer italienischen Bäckerei treffen. In einem nahe gelegenen tibetischen Restaurant hängt ein Schild mit der Aufschrift: «Um zur Normalität zurückzukehren und um dem Anschlag zu trotzen, werden wir unser Restaurant am 12. September wieder öffnen.»

Durch solche entschlossenen Bemühungen, alles normal weitergehen zu lassen - »Normalität« ist ein Wort, das man dieser Tage tatsächlich mit erschreckender Häufigkeit hört -, ist auf niedrigem Niveau eine Art Massenschizophrenie ausgebrochen. Es ist sehr verstörend, wenn man beim Durchblättern von Büchern vorübergehend die Zeit vergisst und beim Verlassen des Buchladens vor sich eine Rauchwolke sieht, wo früher das World Trade Center stand. In den Fernsehnachrichten beschreibt ein Mitglied der Rettungsmannschaft seine Reaktion auf die Trennung zwischen der Welt oberhalb der Canal Street, wo die Menschen einkaufen, spazieren gehen und das Leben genießen, und der »Hölle«, in der er arbeitet und Leichen und Leichenteile ausgräbt. »Es ist, als wären es zwei verschiedene Städte.«

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